Auch wenn der britische Premier derzeit häufig bekundet, einen No-Deal-Brexit vermeiden zu wollen: Seine Regierung will den klaren Bruch mit der EU. Den würde sie sich einiges kosten lassen. Die Regierungspapiere Yellowhammer zeigen, was dem Land im Fall eines ungeordneten Brexits droht – ernste Verzögerungen an der Grenzabfertigung, Lieferengpässe beim Import von frischen Lebensmitteln und Medikamenten, im Zweifel gar Ausschreitungen.

Das alles nimmt Johnson in Kauf, denn ihm geht es um eine viel größere Frage: Mit welchem Wirtschaftsmodell kann sich das Vereinigte Königreich außerhalb der EU am besten positionieren?

Hier folgt der Premier den extremen Kräften in seiner Konservativen Partei. Schließlich waren sie es, die ihn protegiert haben, bis er Regierungschef wurde. Die Brexit-Hardliner, die in der European Research Group (ERG) zusammengeschlossenen radikalen Marktwirtschaftler, haben für Großbritannien schon lange ein ökonomisches Konzept. Sie lehnen die EU mit ihren vermeintlich protektionistischen Handelshemmnissen ab. Die meisten dieser EU-Gegner plädieren für starken Wettbewerb, freie Märkte und so wenig Regulierung und Einflussnahme durch den Staat wie möglich. Ihr Motto: keine Handelshemmnisse, keine Handelsquoten, keine Zölle.

Deregulieren, um die EU abhängen zu können

Der Vordenker dieses Ansatzes, dem Johnson in vielen Facetten folgt, ist Shanker Singham vom Institute of Economic Affairs. Singham ist eine der zentralen Persönlichkeiten der radikalen Brexit-Bewegung, er gilt als ihr Vordenker. "Viele EU-Regulierungen sind schlecht für das Wirtschaftswachstum. Großbritannien muss frei sein, um sich besser entwickeln zu können", schreibt er in seinem Brexit-Konzept "Plan A+". Großbritannien solle sich überall dort von den EU-Vorschriften lösen, wo ihre dauerhafte Einhaltung hinderlich sei. Zölle und Einfuhrquoten sollten so weit wie möglich abgeschafft werden.

"Das Volk hat noch gar nicht begriffen, was die Vorteile des Brexits sein werden – billige Kleidung, billige Schuhe", sagt auch der Parlamentsvorsitzende Jacob Rees-Mogg, der Johnson als Erster gegen Theresa May unterstützte. Er ist Berater der "Economists for Free Trade", die unter dem Motto "No Deal ist der beste Deal für Großbritannien" für einen ungeordneten EU-Austritt werben.

Johnson folgt dem Ansatz, dass Großbritannien gegenüber der EU deregulieren und global als Standort für Auslandsdirektinvestitionen punkten müsse. Das Königreich werde dann besser forschen und investieren können, sei es in Biotechnologie, künstliche Intelligenz, Gentherapie oder Batterieproduktion. "Die EU wird gegen die technische Revolution agieren und regulieren, weil sie – wie immer – auf die Interessen der traditionellen Hersteller in der EU hört", schrieb Johnson im September 2017, als er seine Vision des Brexits vorstellte. 

Diese Strategie wird von der EU mit Misstrauen beobachtet. "Nach dem Austritt Großbritanniens haben wir einen wirtschaftlichen Wettbewerber vor unserer eigenen Haustür, auch wenn wir enge außen- und sicherheitspolitische Kooperationen beibehalten wollen, auch wenn wir freundschaftlich verbunden sein wollen", warnte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Mittwoch im Bundestag. Man müsse technologisch wieder überall auf Weltmaßstab kommen.