Boris Johnson hat in der Nacht zu Dienstag eine weitere Niederlage erlitten: Der britische Premier scheiterte im Unterhaus erneut mit einem Antrag auf Neuwahl am 14. Oktober. Die Presse sieht ihn nun in einer schwierigen Lage.

Johnson könne noch immer auf einen Triumph hoffen, analysiert die Neue Zürcher Zeitung. "Denn all seine Winkelzüge zielen auf eines ab: dass er vom Wahlvolk als Freiheitsheld und Märtyrer mit einer neuen Regierungsmehrheit ausgestattet wird." Dazu reiche allein die EU als Gegner aber nicht aus. Hinzu komme noch "ein zweiter Feind, gegen den sich Johnson heroisch, bis dass er möglicherweise 'tot in einem Graben' liegt, vor das britische Volk stellt". Dieser Gegner sei in Johnsons Machtstrategie das britische Parlament, das angeblich "den Volkswillen verrät und den Volkstribun zu stürzen sucht. Diese Kampfrhetorik ist absurd, die Schamlosigkeit des Premierministers ist schockierend."

Die konservative Pariser Tageszeitung Le Figaro sieht Johnson ebenfalls von Machtansprüchen getrieben: "Er will offenbar alleine gegen alle den Rubikon des Brexits überschreiten, dann Stimmen dazugewinnen und sich dauerhaft in der Downing Street einrichten." Das aber scheine nach der vergangenen Nacht nicht möglich zu sein. Johnson müsse nun liefern. Und zwar eine Einigung mit der EU. Doch seien seine konkreten Vorschläge dort weiterhin nicht bekannt.

Den britischen Guardian erinnert Johnsons angeblicher Versuch, doch noch einen neuen Deal mit der EU zu erzielen, an "ein Auto, das mit hohem Tempo auf eine Mauer" zurast. "Je solider und unbeweglicher die Mauer erscheint, desto schneller fährt Johnson auf sie zu, und behauptet, er könne nicht ausweichen." Der Premierminister argumentiere, dass sowohl das Fahrzeug als auch das Hindernis bei einem Unfall eine Rolle spielten und dass er für den Zusammenstoß die Wand verantwortlich machen könne, weil sie aus Ziegeln bestehe. "So ist seine lächerliche Behauptung zu erklären, dass Dublin ebenso wie Großbritannien für einen schädlichen No-Deal-Brexit verantwortlich sein würde, sollte dieser über die Inseln hereinbrechen. Das ist Unsinn."

Bislang habe Johnson der britischen Politik und dem Ansehen des Parlaments großen Schaden zugefügt, kommentiert die Deutsche Welle. Großbritannien sei immer stolz auf das Alter seiner Institutionen, seine Traditionen und teils skurrilen Regeln gewesen. Der Ruf als Mutterland einer unerschütterlichen Demokratie habe zum Grundbestand des britischen Selbstbilds gehört und sei Teil des politischen Ansehens im Ausland gewesen. "Seit dem Beginn der Brexitkrise aber verloren die Briten zuerst die Reputation, vernunftgeleitet und pragmatisch zu sein. Und jetzt sehen die entsetzten Nachbarn, wie die Regierung in London die eigenen demokratischen Institutionen lahmlegt, ihr Ansehen schädigt und ihr Funktionieren erschwert."