Carrie Lam sitzt vor einer schwarzen Kommode. Ihre gefalteten Hände sind regungslos, ihr Gesicht ist von Müdigkeit und Pein gezeichnet, nach zwölf Wochen, die vermutlich die schlimmsten ihres Lebens waren: Am frühen Mittwochabend Ortszeit gab Hongkongs Regierungschefin in einer Videonachricht bekannt, dass sie nun auch offiziell das umstrittene Gesetz zur Auslieferung nach China zurückzieht. "Hongkong ist zu einem uns fremden Ort geworden", sagt sie, und "unsere Gesellschaft muss nach vorne blicken". Sie spricht aus der Hoffnung heraus, dass ihr Einlenken die seit Anfang Juni anhaltenden Proteste befriedet und die Stadt endlich wieder zur Normalität zurückkehrt.

Die Rücknahme des Auslieferungsgesetzes ist bemerkenswert, einerseits. Denn dieser Schritt schien zuletzt immer unwahrscheinlicher. Vor zwei Tagen veröffentlichte die Nachrichtenagentur Reuters eine Audioaufnahme von Lam, in der sie vor Unternehmern zugab, dass ihr die Hände gebunden seien: Sie wollte zurücktreten, sagte sie darin, doch Peking habe ihr Gesuch abgelehnt. Drei Tage zuvor berichtete ebenfalls Reuters, dass Lam der chinesischen Führung bereits vorgeschlagen hatte, das Gesetz zurückzuziehen und außerdem auf eine weitere zentrale Forderung der Demonstranten einzugehen, nämlich eine unabhängige Untersuchung der Polizeigewalt zuzulassen. Auch damit scheiterte sie in Peking.

Diese Enthüllungen beweisen, was Regierungskritiker längst vermutet hatten: Hongkongs Regierungschefin ist inzwischen handlungsunfähig. Ihre Entscheidungen werden von Peking diktiert. "Ein Land, zwei Systeme", eine weitreichende Verwaltungsautonomie Hongkongs, ist de facto bereits Geschichte.

Nihilistisch, düstere Eigendynamik

Vor diesem Hintergrund ist die offizielle Rücknahme des Auslieferungsgesetzes in der Praxis bedeutungslos. Schon Anfang Juli erklärte Lam das Gesetz für "tot", der Schritt am Mittwoch ist also ein rein semantisches Einlenken. Den Demonstranten geht es inzwischen um weitaus mehr als nur um das verhasste Gesetz. Auf die vier übrigen Forderungen der Protestbewegung – eine unabhängige Untersuchung der übermäßigen Polizeigewalt, die Freilassung von Festgenommenen, eine Rücknahme des Vorwurfs des "Aufruhrs" und die Einführung von freien Wahlen – ging Lam wenig oder gar nicht ein. Immerhin bot sie, wie auch schon im August, einen Dialog an, um "der Unzufriedenheit in der Gesellschaft zu begegnen". 

Gerade die Polizeigewalt, die die Demonstranten bereits Mitte Juni untersuchen lassen wollten, ist in den vergangenen Wochen auf Geheiß von Peking noch weiter eskaliert. Inzwischen wurden mehr als 1.200 Menschen festgenommen, drei Demonstranten erlitten Augenverletzungen durch Gummigeschosse. Am vergangenen Wochenende prügelte eine schwer gerüstete Eliteeinheit auf wehrlose Menschen in der U-Bahn ein. Die Wut und die Gewaltbereitschaft auch unter den Demonstranten hat das weiter angefacht.

Vermutlich wünscht sich Carrie Lam heute, sie könnte die Zeit zurückdrehen: Das Auslieferungsgesetz ist unter den Demonstranten inzwischen der kleinste Aufreger. Dessen Rücknahme kommt nun mehr als zwei Monate zu spät. Gerade die Jungen in der Protestbewegung werden sich von Lams Einlenken heute kaum besänftigen lassen. Die vergangenen zwölf Wochen haben in ihren Augen den Beweis geliefert, dass Hongkong immer mehr dem autoritären Unrechtsstaat auf dem Festland ähnelt, vor dem sie sich so fürchten.

Ein weiteres Entgegenkommen der Regierung scheint undenkbar – insbesondere freie Wahlen – und genau deshalb wollen viele Demonstranten weiter auf die Straße gehen. Die Protestbewegung hat inzwischen eine nihilistische, düstere Eigendynamik angenommen. Mit dem Status quo in Hongkong, dem schleichenden Weitererodieren der Bürgerrechte, werden sich die Regierungsgegner nicht zufriedengeben. Kaum einer von ihnen macht sich die Illusion, dass Peking in den kommenden Monaten und Jahren die Schlinge um Hongkong nicht noch weiter zuziehen wird. Die Radikalisierten unter den Demonstranten wollen ihren Kampf zu Ende fechten, ihre Wut verlangt nach irgendeiner Form von erlösender Katharsis, so furchtbar das auch enden mag. Ihre Botschaft an die Regierung: "Wenn wir brennen, brennt ihr mit uns."