Wer derzeit im Zentrum Pekings lebt, hat Pech: Seit Mitte September gibt es ab 17 Uhr eine Ausgangssperre. Es wird für die große Militärparade geprobt. Am 1. Oktober will die chinesische Führung mit einem nationalistischen Spektakel in Rot und Gold, den Farben der chinesischen Flagge, den 70. Gründungstag der Volksrepublik China feiern. Mit der Parade will China, die Kommunistische Partei (KP), Präsident Xi Jinping und die wirtschaftlichen und politischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte feiern.

Schon im Vorfeld der Parade verbreiteten Staatsmedien Videos und Bilder von jubelnden Menschen, die in Tibet und anderswo "Lang lebe das Vaterland!" rufen. Wer hier echten Nationalstolz ausdrückt und wer nur mitspielt, um Probleme mit den Sicherheitsbehörden zu vermeiden, ist dabei offen.

Unbestritten ist, dass der Nationalismus seit Jahrzehnten Teil der chinesischen Innenpolitik ist. Nach den gewaltsam niedergeschlagenen Protesten auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 stürzte die Partei in eine Legitimationskrise: Forderungen nach politischen Reformen hat sie damals mit Panzern beantwortet. Also führte sie nach und nach landesweit eine patriotische Erziehung ein. Junge Chinesinnen und Chinesen sollten von klein auf lernen, wie die westlichen Großmächte China erniedrigt haben und wie die Kommunistische Partei seit ihrem Machtantritt 1949 sowohl politisch als auch wirtschaftlich den rechtmäßigen Status Chinas wiederhergestellt hat.

Auch Internetzensur steuert die öffentliche Meinung

Diese simple Geschichte von der Erniedrigung und Wiederauferstehung eines heldenhaften Landes hat einen wichtigen wahren Kern: China wurde nie komplett kolonialisiert. Mehrere westliche Länder zwangen dem Kaiserreich nach militärischen Niederlagen im 19. Jahrhundert jedoch eine Reihe von einseitigen Verträgen auf. China verlor unter anderem die Kontrolle über die Halbinsel Hongkong an Großbritannien und die nordchinesische Stadt Qingdao an Deutschland. Die KP Chinas selbst entstand anfangs aus einer Studierendenbewegung heraus, die sich gegen diese Behandlung durch westliche Großmächte wehrte.

Mittlerweile ist die Partei seit 70 Jahren an der Macht und unter ihr hat China eine unvorstellbar rasante Modernisierung durchgemacht. Während der Westen 1989 eine offensichtlich attraktive Option war, ist es mittlerweile für viele Chinesinnen und Chinesen einfacher, stolz auf ihre Heimat zu sein. Immer wieder wird der wirtschaftliche Fortschritt hevorgehoben: In China herrsche Wohlstand und Stabilität und nicht das Chaos, unter dem Demokratien wie beispielsweise Indien angeblich leiden. Gleichzeitig sorgt die chinesische Internetzensur dafür, dass die meisten Bürger nur lesen können, wie sehr die Uigurinnen und Uiguren vom neuen chinesischen Wohlstand profitieren, oder dass alle Demonstrierenden in Hongkong gewaltbereite Randalierer sind.

Kinder lernen im Kalligrafieunterricht, die Zeichen "Vergesst niemals die nationale Erniedrigung" zu schreiben, und hören auf Schulausflügen, wie heldenhaft die KP China im Zweiten Weltkrieg gegen die japanische Invasion verteidigt hat. Die patriotische Nachricht des Staates ist nicht gerade subtil: "Diejenigen, die unpatriotisch sind oder gar ihr Vaterland verraten, sind eine Schande in den Augen des Landes und der ganzen Welt", verkündete Präsident Xi Jinping beispielsweise im Mai zum Jahrestag der Studentenbewegung aus dem Jahr 1919. Patriotismus in Xis China bedeutet auch, der Partei zu folgen und sie nicht zu kritisieren.