Donald Trump kann jede Hilfe gebrauchen. Auf die Politik des US-Präsidenten trifft das schon lange zu: Seine mexikanische Grenzmauer gegen Einwanderer, sein Handelskrieg gegen China, überhaupt seine außenpolitische Krawallstrategie in vielen Konflikten, die er zum Teil selbst verschlimmert oder sogar begonnen hat – all das entspringt ja mehr einem leidlich scharfen Instinkt als einer umfassenden Einsicht in komplexe Zusammenhänge. Andere müssen dann sehen, dass sie das Beste daraus machen. Unbestritten ist allerdings Trumps Talent, die Schwächen seiner Gegner oder auch des demokratischen Systems zu erkennen und für sich auszunutzen, wenn es seinen Zielen dient.

Das ist auch in der aktuellen Affäre um den möglicherweise erpresserischen Anruf des US-Präsidenten in der Ukraine so. Sie macht einmal mehr deutlich, wie weit Trump bereit ist zu gehen – und wie weit man ihn gehen lässt. Er fürchtet um seine Macht, auch das zeigt der offensichtliche Wunsch, ausländische Regierungen gegen politische Gegner einzuspannen. Und solange er sie hat, wird er sie rücksichtslos einsetzen.

Selten war so klar zu sehen: Die Gefahr, die Trump bedeutet, ist erst vorbei, wenn er weg ist – sei es per Amtsenthebung oder bei der Wahl im kommenden Jahr.

Trump versteht das Problem nicht

Eine Erkenntnis, die sich nach den Enthüllungen der vergangenen Tage aufdrängt, ist simpel: Trump hat tatsächlich Angst vor Joe Biden, der zuletzt die besten Chancen hatte, 2020 für die Demokraten gegen ihn anzutreten. Und der den Präsidenten schlagen könnte, wenn man so früh im Wahlkampf überhaupt etwas auf solche Umfragen geben will. Trumps öffentliche Angriffe auf Biden haben schon früh davon gezeugt, dass er in ihm eine Bedrohung sieht. Eine völlig andere Dimension ist es, die ukrainische Regierung unter Druck zu setzen, damit gegen Biden oder seinen Sohn ermittelt wird – wegen Vorwürfen, die längst ausgeräumt sind. Vollends über jedes Maß hinaus ginge es, sollte der US-Präsident gegenüber seinem Amtskollegen in der Ukraine die Freigabe zugesagter Mittel an seine Hilfe in dieser schmutzigen Sache geknüpft haben, wie spekuliert wird. Dass die ukrainische Regierung ihrerseits von einem solchen Ablauf bislang nichts wissen will, ist verständlich, sie muss jetzt sehr vorsichtig sein.

Eine andere Erkenntnis, die nach mehr als zweieinhalb Jahren im Amt kaum überraschen kann: Trump selbst sieht an seinem Vorgehen überhaupt nichts Verwerfliches. In Washington kämpfen die demokratischen Abgeordneten im zuständigen Kongressausschuss darum, die interne Beschwerde eines Geheimdienstmitarbeiters einzusehen, die den Generalinspekteur auf "ernstes Fehlverhalten" aufmerksam machte, nun aber zurückgehalten wird. Doch während seine politischen Gegnerinnen und Gegner noch die Fakten hinter den kolportierten Vorwürfen einfordern, gibt der US-Präsident im Grunde schamlos alles zu. Ja, er habe mit Wolodomyr Selenskyj über die Bidens gesprochen, und darüber, was Leute wie der damalige Vizepräsident und sein Sohn zur Korruption in der Ukraine beitrügen, räumte er gegenüber Reporterinnen und Reportern inzwischen ein.

Auch Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani hält mit den Zielen seiner Mission in der Ukraine nicht hinter dem Berg: "Ich bin dahin gegangen, um Schmutz über Joe Biden zu finden", sagte er in einem Gespräch auf Fox News. Zuvor hatte er bereits in einem CNN-Interview nach einigem Hin und Her bestätigt, dass er in der Ukraine darauf gedrängt hatte, gegen Biden zu ermitteln: "Natürlich tat ich das."