Als am 2. September das Bild des toten Flüchtlingsjungen Alan Kurdi um die Welt ging, verfasste der österreichische Sozialwissenschaftler Gerald Knaus gemeinsam mit Kollegen einen wegweisenden Bericht unter dem Titel: "Warum niemand in der Ägäis sterben muss". Das darin entworfene Konzept lieferte später die Basis für das Abkommen zwischen der EU und der Türkei, das die massenhafte Flucht vieler Menschen über den Balkan und das Sterben in der Ägäis deutlich eindämmte. Knaus ist Vorsitzender der Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative e. V.

Heute vor genau vier Jahren ertrank das bis heute bekannteste Opfer der dramatischen Fluchtbewegungen der letzten Jahre über das Mittelmeer: der dreijährige Alan Kurdi.

Gerald Knaus gründete 1999 die Denkfabrik Europäische Stabilitätsinitiative e. V. (ESI). Gemeinsam mit einem Kollegen gilt er als Wegbereiter des Flüchtlingsabkommens zwischen der EU und der Türkei. Sein Buch "Welche Grenzen brauchen wir?" (Pieper) erscheint im Herbst. © privat

An jenem Morgen waren er, seine Eltern und sein kleiner Bruder an der türkischen Küste in ein Schmugglerboot gestiegen, um nach Griechenland zu gelangen. Alans Tante lebte bereits in Kanada und stand bereit zu helfen, ein Onkel war in Deutschland. Eine Rückkehr nach Syrien schien vor dem Hintergrund des Krieges und des Aufstiegs des sogenannten Islamischen Staates immer unwahrscheinlicher. In der Türkei war die Familie zwar nicht in Gefahr, aber die Hoffnung auf ein besseres Leben für ihre Kinder und das Gefühl der Aussichtslosigkeit, irgendwann auf legalem Weg zur Tante nach Kanada zu kommen, führte die Familie in das Boot. 

So viele hatten es ja bereits geschafft: zwischen April und Juli 2015 über 100.000 Menschen, die meisten Syrer, dann im August in nur einem Monat noch einmal 100.000. Dabei waren in den fünf Monaten, bevor Alans Familie das Boot bestieg, etwa 70 Menschen in der Ägäis ums Leben gekommen. Die Chance, die EU zu erreichen, war sehr hoch, doch dieses Boot sank. So ertranken Alan, sein kleiner Bruder und die Mutter vor den Augen des Vaters.

Das Bild des toten Jungen am Strand bei Bodrum führte weltweit zu großer Anteilnahme. Medien, Politiker forderten mehr zu tun. Innerhalb weniger Tage versprachen die konservativen Regierungen Kanadas, Australiens und des Vereinigten Königreichs sowie US-Präsident Barack Obama Zehntausende syrische Flüchtlinge zu sich zu holen, so kamen letztlich 60.000 zusätzliche Syrer allein in diese vier Länder. Und zwei Tage nach Alans Tod machten sich Tausende zu Fuß vom Budapester Bahnhof aus auf den Weg Richtung Deutschland, wo sie willkommen geheißen wurden.

Es war ein Höhepunkt empathischer Politik, von Ottawa bis Canberra, London bis Berlin. Doch blicken wir heute zurück, erkennen wir, dass die Reaktionen auf Alans Tod widersprüchlich blieben.

Der Appell von Alans Vater verhallte ungehört

Zwischen September 2015 und Februar 2016 kamen in einem halben Jahr weitere 750.000 Menschen aus der Türkei über das Meer. Der verzweifelte Appell von Alans Vater, sich nicht auf den gefährlichen Weg zu machen, verhallte ungehört. So stieg auch die Zahl der Toten weiter: im halben Jahr nach Alans Tod ertranken in der Ägäis mehr als 1.000 Menschen, darunter viele Kinder. Viel schlimmer war es noch im zentralen Mittelmeer, zwischen Libyen und Italien, wo allein 2016 mehr als 4.500 ertranken.

Und Syriens Tragödie ging weiter. Nach Alans Tod stieg Russland im Herbst 2015 an der Seite Assads in den Krieg ein, Bombardierungen von Spitälern und andere Kriegsverbrechen gehen bis heute weiter, eine neue Welle der notwendigen Flucht wird immer wahrscheinlicher. Auch wenn das Terrorregime des "Islamischen Staates" zusammenbrach, bleibt das Terrorregime von Präsident Assad an der Macht.

Das Resettlement Schutzbedürftiger, das Kanada, Australien und die USA nach dem Tod Kurdis anboten, war eine einsame Geste ohne Nachhaltigkeit. Seit Jahrzehnten gab es noch nie so wenige Angebote an UNHCR, Schutzbedürftige in der ganzen Welt umzusiedeln, wie 2018.

Deutschland und eine Handvoll anderer europäischer Länder haben nach Alans Tod eine Rekordzahl von Asylsuchenden aufgenommen und Historisches geleistet. Doch von einem System menschlicher Grenzen ist Europa im Mittelmeer heute so weit entfernt wie im September 2015. In Libyen kooperiert die EU mit libyschen Institutionen, die Migranten in Lager bringen, in denen diese straflos misshandelt werden. Aber auch in der Ägäis ist die Situation inakzeptabel: Würde Alans Familie heute in Lesbos ankommen, kämen sie in ein hoffnungslos überfülltes Aufnahmezentrum ohne Sicherheit, Ärzte, humane Versorgung, für das sich Europäer nur schämen könnten.