Roberto wer? Dies war die Reaktion bei vielen Beobachterinnen und Beobachtern des Politikbetriebs in Rom, als der Name des neuen italienischen Finanzministers bekannt wurde. Dabei ist mit Roberto Gualtieri zum ersten Mal seit 2011 in der italienischen Regierung ein Mann für den Staatshaushalt zuständig, der nicht als Technokrat, sondern als Politiker Karriere gemacht hat.

Ein Politiker allerdings, dem ein doppeltes Kunststück gelungen ist: das, in den letzten Jahren zu einer der einflussreichsten italienischen Stimmen in Europa zu werden und dabei doch zu Hause völlig unbekannt zu bleiben. Und eigentlich ist der 53-jährige Sozialdemokrat auch gar kein "echter" Politiker. Gewiss, er sitzt seit 2009 für seine Partei PD im Europaparlament, aber vorher widmete er sich seiner akademischen Karriere – nicht etwa als Ökonom, sondern als Historiker.

Am Lehrstuhl für neueste Geschichte an der Uni Rom forschte Gualtieri vor allem über den europäischen Integrationsprozess. Dazu kam über Jahre hinweg der Posten des Vizedirektors beim Gramsci-Institut ebenfalls in Rom. Zugleich aber war er schon als 19-Jähriger politisch aktiv geworden, als er sich in die Jugendorganisation der Kommunistischen Partei Italiens einschrieb. Und während seiner gesamten Uni-Karriere engagierte Gualtieri sich weiter, in der KPI, dann in der Partei der Demokratischen Linken und schließlich in der Partito Democratico (PD), bekleidete Ämter sowohl im Stadtverband Rom als auch im erweiterten nationalen Vorstand der Sozialdemokraten mit seinen 200 Mitgliedern.

Nur in der EU sieht er Italiens Zukunft gesichert

Als er dann vor zehn Jahren die Politik zum Beruf machte und als Kandidat bei den Europawahlen antrat, zitierte der frühere Kommunist, nach seinen europapolitischen Ideen gefragt, den großen italienischen Christdemokraten Alcide De Gasperi, der vom Einklang der Interessen Italiens und Europas gesprochen hatte.

Wohl deshalb giftet jetzt der frühere Innenminister Matteo Salvini von der Lega auch, Italiens neuer Finanzminister sei "direkt aus Brüssel" geschickt worden, in eine Regierung, "die in Brüssel entschieden wurde". Salvini vergisst darüber, dass auch Gualtieri eine wichtige Rolle bei der Schlichtung der Haushaltsstreite zwischen Rom und Brüssel erst im Herbst 2018 und dann wieder in diesem Jahr spielte, völlig geräuschlos, völlig unbeeinflusst auch durch die Tatsache, dass er da zugunsten einer italienischen Regierung vermittelte, in der Salvinis Lega an der Seite der Fünf Sterne saß.

Denn der im Ton leise, im Auftritt ebenso unauffällige wie verbindliche Europaparlamentarier hält es tatsächlich mit De Gasperi: Nur in der EU sieht er – anders als Salvini, anders als früher auch die Fünf Sterne – Italiens Zukunft gesichert. So überrascht es auch kaum, dass die zukünftige EZB-Präsidentin Christine Lagarde sich freute, Gualtieris Ernennung zum Finanzminister sei "zum Wohl Italiens und Europas".