Wie es sich gehört für die Inszenierung eines Kämpfers, schreitet Herbert Kickl zu seiner Einlaufmusik auf die Bühne. Ein Mittwochnachmittag in der Gortana-Passage in Wels, 30 Kilometer von Linz entfernt, 60.000 Einwohner, seit 2015 von den Freiheitlichen regiert. Der FPÖ-Bürgermeister Andreas Rabl hat den Stargast in einer kurzen Ansprache begrüßt, Oberösterreichs Vizelandeshauptmann Manfred Haimbuchner hat Kickl als "Innenminister der Herzen" gepriesen. Jetzt nähert sich Kickl dem Rednerpult, und Bonnie Tylers Holding Out for a Hero dröhnt aus den Boxen.

Norbert Hofer mag seit dem Parteitag am vergangenen Samstag in Graz der Vorsitzende der Freiheitlichen Partei sein, aber Herbert Kickl ist ihr Held. "Herbert, Herbert"-Sprechchöre begleiten ihn hier in Wels, wo die Veranstaltung auf Plakaten überall in der Stadt als "Meet and Greet" angekündigt wird, als gäbe sich ein Popstar die Ehre. Werden seine Vorredner noch vom Murmeln der Thekengespräche und dem Klirren der Gläser begleitet, herrscht nun Stille.

Kickl startet launig: "Viele von euch sind sicher nur gekommen, um zu schauen, ob ich wirklich so klein bin", sagt er, lacht aber nicht, weil ein Herbert Kickl keine Witze macht, schon gar nicht über sich selbst. "Ja, ich bin nur 1,72 Meter groß, aber das reicht, um mit dem Sauhaufen in Wien aufzuräumen." Die Hauptstadt, legt er nach, sei der "Hotspot der Narrischen": "Da weißt du nicht, ob du noch in deiner Heimat bist oder am Balkan oder am Orient."

Drehbuchschreiber und Souffleur Straches

Das Publikum johlt. Kickl bringt Bierzeltatmosphäre in das moderne Atrium der Gortana-Passage, in dem rund 100 Menschen unter echten Bäumen sitzen und elegant gekleidete Kellner Wein und Aperol Spritz servieren. Die Parteijugend verteilt Wahlkampf-Goodies, darunter einen blauen Plüschbären namens "Norbär". Ein kuschliger Schlüsselanhänger für Hofer-Fans, angeblich die Idee des Chefs höchstpersönlich. Von Kickl gibt's nur einen Flyer mit dem Motiv des Wahlplakates, auf dem er mit seinen knochigen Wangen und den heruntergezogenen Mundwinkeln aussieht, als übe er für eine Ivan-Drago-Imitation.

Schwiegermutters Liebling Hofer und Law-and-Order-Mann Kickl, mit diesem Führungsduo bestreiten die Freiheitlichen den Wahlkampf. Seit die stimmgewaltige Leitfigur Heinz-Christian Strache im Ibiza-Beben die FPÖ-Kommandozentrale verlassen musste, übernimmt Kickl die Partie des Lautsprechers der Partei. Er hat Routine als Redner, im Parlament, im Wahlkampf, aber seine Domäne war immer der Schreibtisch, als Drehbuchschreiber und Souffleur Straches, der Kickls Slogans wie "Daham statt Islam" an den kleinen Mann brachte.

Nun spielt Kickl plötzlich die Hauptrolle. Nie war er so wichtig für die FPÖ wie in diesem Wahlkampf. Und er wird noch wichtiger – an seiner Person entscheidet sich die Zukunft der Partei. Sobald am 29. September kurz nach 17 Uhr die erste Hochrechnung über die Bildschirme flimmert, wird der Held der FPÖ nämlich zu ihrem größten strategischen Problem.

Das Dilemma lässt sich relativ schnell auf den Punkt bringen: Die FPÖ will nach den Wahlen die Koalition mit Sebastian Kurz' ÖVP fortführen, die Umfragewerte geben das her, der Ex-Bundeskanzler scheint gewillt, man könnte sich die Sondierungsgespräche also eigentlich gleich sparen – wenn da nicht Herbert Kickl wäre. Ende Juli hat Sebastian Kurz seinen ehemaligen Innenminister zur unerwünschten Person in seinem nächsten Kabinett erklärt. "Nein, in meiner Regierung hätte er keinen Platz", sagte er im ORF-Nachrichtenmagazin ZIB 2. Kickl habe sich "in vielen Bereichen eigentlich schon disqualifiziert".