Bereits um 14.37 Uhr funkte die FPÖ an diesem Sonntag SOS an ihre Sympathisanten und Symapthisantinnen: Im WhatsApp-Kanal der Freiheitlichen wurde eindringlich vor einer Koalition von ÖVP und Grünen gewarnt. "Es ist wirklich ernst!", schrieben die PR-Leute der Partei, die zu diesem Zeitpunkt schon die ersten Prognosen kannten. Und wussten: Die FPÖ wird nicht mit einem blauen Auge davonkommen, so wie eine Woche nach Auftauchen des Ibiza-Videos, als die 17,2 Prozent bei der Europawahl noch mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung quittiert wurden.

Nun deutet alles auf einen großen Knall hin. 16 Prozent, ein Verlust von zehn Prozentpunkten, das ist schlimmer, als selbst die Pessimisten in der Partei erwartet haben. FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky war der Erste, der sich kurz nach 17 Uhr in der FPÖ-Zentrale dem Fernsehen stellen musste. Der 53-Jährige, gern mal als Einmannabteilung Attacke unterwegs, gestand die Niederlage unumwunden ein: "Das ist kein Auftrag, die Koalition fortzusetzen", sagte er. "Wir interpretieren das als Auftrag für einen Neubeginn." Was für ein Sinneswandel: Im Wahlkampf hatte sich die Rechts-außen-Partei bis zur Selbstverleugnung um eine Neuauflage der Koalition mit Sebastian Kurz beworben. Und nun sieht es so aus, als ziehe sie sich kampflos in die Opposition zurück.

Als um 18 Uhr die Prateralm im berühmten Wiener Vergnügungspark ihre Pforten öffnet, lungern mehr Journalistinnen als Sympathisantinnen vor dem Tor herum. Die FPÖ hat zur Wahlparty geladen, auf den Holztischen im Biergarten stecken Österreich-Fähnchen in grauen Bierkrügen, Kellner servieren Tiroler Kasspatzn und Bier, alles gratis. Noch aber muss das Essen auf Abnehmer warten, nur die FPÖ-Hauskapelle, die John Otti Band, stärkt sich schon einmal für ihren Auftritt später am Abend.

Erst gegen halb acht füllt sich die Prateralm, als Erster aus der Parteiprominenz lässt sich der Wiener Parteichef Dominik Nepp blicken. Er hatte erst am Freitag von sich reden gemacht, als er beim Wahlkampffinale auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien dröhnte, man müsse sich am Sonntag eben entscheiden, ob man es "im Sommer 0,1 Grad wärmer haben will oder lieber einen Bauchstich von einem syrischen Asylanten". Nun könnte seine FPÖ sogar hinter den Grünen landen, wenn sie wie erwartet noch einige Prozentpunkte bei den Briefwählern gutmachen. Auch Nepp hält sich an die Sprachregelung, die Vilimsky etabliert hat: "Wir wollen einen Neustart", sagt er ZEIT ONLINE. "Wir sind einfach nicht stark genug, um in die Regierung zu gehen."

Problemfall Strache

Rein rechnerisch stimmt das nicht, mit den 37 Prozent der ÖVP würde es locker für Türkis-Blau II reichen. Aber mit zehn Punkten Verlust könne die Partei unmöglich in eine Regierung gehen, sagte auch der Tiroler Spitzenkandidat für die FPÖ, Peter Wurm: "Was sollen wir denn da verhandeln mit Sebastian Kurz?" Statt über Sondierungen nachzudenken, solle seine Partei sich erst einmal "neu aufstellen".

Zumindest einen Tag lang muss der Neustart warten: Traditionell gönnt sich die FPÖ nach der Wahl ihren "Blauen Montag". Am Dienstag aber werden die Weichen für die Zukunft gestellt, wenn die Gremien der Bundespartei und der Wiener Partei tagen. Die Doppelspitze um Norbert Hofer und Herbert Kickl wird dort nicht zur Disposition stehen, sagt der Wiener Parteichef Dominik Nepp: "Die beiden können nichts dafür. Das war Ibiza und das, was jetzt noch gekommen ist."

Das, was jetzt noch gekommen ist, trägt den Namen Heinz-Christian Strache: In der Woche vor der Wahl wurde bekannt, dass die langjährige Führungsfigur der Partei offenbar auf Kosten der Partei gelebt hat. Einige Landesverbände verübeln den Spitzenfunktionärinnen und -funktionären in Wien, dass sie Straches Treiben offenbar ermöglicht und akzeptiert haben, sie haben dem Vernehmen nach Gesprächsbedarf. Am Erfolg der Partei hängen Karrieren, statt 51 Abgeordneten hat sie nur noch 30, das produziert Unzufriedene in den eigenen Reihen. 

Gegen den Ex-Chef Strache läuft im Spesenskandal mittlerweile ein Verfahren wegen Untreue zum Schaden der eigenen Partei. Genug, um einen Ausschluss zu rechtfertigen. Öffentlich forderte selbst nach dem desaströsen Ergebnis jedoch niemand aus der ersten FPÖ-Riege seinen Rausschmiss, zu groß ist das strategische Problem, das Strache darstellt: Seine Frau Philippa wird auf einem FPÖ-Ticket vermutlich in den Nationalrat einziehen, es ist unklar, wie sie auf einen Parteiausschluss ihres Mannes reagieren würde.

Und dann wäre da noch ein Schreckgespenst namens Jörg Haider: Als der Übervater Anfang der Nullerjahre mit seiner Partei brach, fügte seine Neugründung BZÖ der FPÖ schwere Stimmverluste zu. Nun droht eine Wiederholung der Geschichte, falls Strache mit einer eigenen Liste bei den wichtigen Wien-Wahlen 2020 antritt. Wie beliebt Strache in der Basis noch immer ist, zeigten die Europawahlen im Mai: Über 40.000 Vorzugsstimmen erreichte er, auf sein EU-Mandat verzichtete Strache, damals noch aus Parteiräson. Rücksicht von ihm kann die FPÖ allerdings nicht erwarten, wenn sie ihren Neubeginn ohne Strache antritt.

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