Bei der zweiten Parlamentswahl in Israel binnen eines halben Jahres liegt die Wahlbeteiligung bislang höher als im April. Bis elf Uhr deutscher Zeit lag nach Angaben des Zentralen Wahlkomitees die Beteiligung bei 26,8 Prozent. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als bei der letzten Wahl zur selben Zeit. Insgesamt lag sie damals bei 68 Prozent.

Der rechtskonservative Ministerpräsident Benjamin Netanjahu warnte bei seiner Stimmabgabe in Jerusalem vor einem knappen Ausgang für seine Likud-Partei. Sein Herausforderer Benny Gantz vom Mitte-Bündnis Blau-Weiß lag zuletzt in den Umfragen fast gleichauf mit Likud. In einem Wahllokal bei Tel Aviv sagte Gantz: "Heute stimmen wir für eine Veränderung. Wir werden Hoffnung bringen, alle gemeinsam, ohne Korruption und ohne Extremismus."

Netanjahu verwies im Wahlkampf auf seine engen Beziehungen zu US-Präsident Donald Trump und Kreml-Chef Wladimir Putin. In den letzten Tagen des Wahlkampfs bestimmte Netanjahu die Schlagzeilen, indem er ankündigte, nach einem möglichen Wahlsieg "sofort" das Jordantal im besetzten Westjordanland zu annektieren. Ex-General Gantz präsentiert sich als Gegenentwurf zum langjährigen Regierungschef.

Nach der Abstimmung im April war es Netanjahu trotz einer Mehrheit des rechts-religiösen Lagers nicht gelungen, erneut eine Koalition zu bilden. Die Mehrheitsverhältnisse haben sich den letzten Umfragen zufolge seitdem aber nicht grundlegend geändert. Möglicherweise kann weder das rechte noch das Mitte-Links-Lager eine Mehrheit erzielen. Netanjahus Rivale, Ex-Außenminister Avigdor Lieberman von Israel Beitenu (Unser Haus Israel), gilt in dieser Situation als Königsmacher.

Gantz will große Koalition nur ohne Netanjahu als Regierungschef

Lieberman favorisiert eine große Koalition von Likud, Gantz' Blau-Weiß und seiner eigenen Partei, ohne die streng religiösen Parteien. Gantz ist dazu aber nur bereit, wenn Netanjahu nicht wieder Regierungschef wird. Als Grund nennt er die Korruptionsvorwürfe gegen den 69-Jährigen, der seit 2009 Ministerpräsident ist. Nach einer Anhörung im Oktober droht Netanjahu eine Anklage in drei Korruptionsfällen. Mit Unterstützung einer rechts-religiösen Koalition könnte er versuchen, sich im Parlament Immunität vor Strafverfolgung zu sichern.

"US-Präsident (Donald) Trump hat gestern gesagt, dass es ein enges Wahlrennen wird, und ich kann dies heute Morgen bestätigen – es ist sehr knapp", sagte Netanjahu. Netanjahu warnte bei Twitter vor hoher Wahlbeteiligung in den "Hochburgen der Linken". Bei den Rechten sei die Beteiligung dagegen "so niedrig wie noch nie". Likud-Anhänger müssten sofort wählen gehen, "oder wir bekommen eine linke Regierung mit den arabischen Parteien", schrieb er. Auch bei vergangenen Wahlen hatte Netanjahu versucht, mit einer möglichen Regierungsbeteiligung arabischer Parteien Wähler zu mobilisieren.

Rund 6,4 Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die 120 Mitglieder der 22. Knesset in Jerusalem zu bestimmen. Mit Schließung der Wahllokale um 21 Uhr deutscher Zeit werden erste Prognosen veröffentlicht. Erste Ergebnisse werden möglicherweise erst am Mittwochmorgen vorliegen. Das endgültige Ergebnis wird etwa eine Woche nach der Wahl veröffentlicht.

Präsident Reuven Rivlin bestimmt nach der Wahl, wer den Auftrag zur Regierungsbildung erhält. Dies ist üblicherweise der Vorsitzende der größten politischen Kraft. Dieser hat dann vier Wochen Zeit, eine Koalition zu bilden, kann aber danach noch zwei Wochen Verlängerung beantragen. Rivlin sagte nach Angaben der Zeitung Maariw angesichts der möglichen Pattsituation: "Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um eine weitere Wahl zu verhindern."