Die französische Menschenrechtsexpertin Agnès Callamard hat den Mord am saudi-arabischen Regimekritiker Jamal Khashoggi als UN-Sonderberichterstatterin untersucht. Sie sagt, es gebe "glaubhafte Beweise" dafür, dass der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman für den Mord verantwortlich sei.

Khashoggi, Journalist und Regimekritiker, verschwand am 2. Oktober 2018 nach einem Besuch im saudi-arabischen Konsulat in Istanbul. Dort wollte er Papiere für seine Hochzeit abholen. Doch der 59-Jährige konnte das Konsulat nicht mehr lebend verlassen – er wurde dort von einem saudischen Tötungskommando umgebracht, das aus 15 Personen bestand.

ZEIT ONLINE: Frau Callamard, der Mord an Jamal Khashoggi jährt sich in diesen Tagen. Seine Mörder wurden noch nicht zur Verantwortung gezogen. Wie geht es Ihnen damit?

Agnès Callamard: Ich habe gemischte Gefühle. Die westlichen Staatsführer scheinen langsam wieder normale Beziehungen zu Saudi-Arabien herstellen zu wollen. Vor allem für US-Präsident Donald Trump hat der Mord an Jamal Khashoggi nichts daran geändert, dass er den saudischen Kronprinzen zu seinen wichtigsten Verbündeten in der arabischen Welt zählt. Auch die europäische Regierungen, Deutschland eingeschlossen, scheinen eine Normalisierung mit Saudi-Arabien zu wollen. Das ist ein furchtbares Signal. Es zeigt, dass ein mächtiges Land wie Saudi-Arabien sich sogar aus einem Mord herauskaufen kann. Das macht mich wütend.

Gut ist hingegen, dass Journalisten und Menschenrechtsaktivisten seit einem Jahr Khashoggi gedenken und für die Wahrheit, für die Aufklärung des Mordes kämpfen. 

Agnès Callamard ist Juristin und Menschenrechtlerin. Seit 2013 leitet sie als Direktorin das Projekt Global Freedom of Expression an der Columbia University in New York. Seit 2016 ist sie die Sonderberichterstatterin für außergerichtliche, standrechtliche oder willkürliche Hinrichtungen im Amt des Hohen Kommissars der Vereinten Nationen für Menschenrechte. In dieser Funktion initiierte Callamard eine Untersuchung der Umstände der Ermordung von Jamal Khashoggi. Die Ergebnisse ihres rund 100-seitigen Berichts hat Callamard im Juni vorgestellt. © privat

ZEIT ONLINE: Wie weit sind wir davon entfernt, Gerechtigkeit herzustellen?

Callamard: Es kommt darauf an, wie wir Gerechtigkeit definieren. Die höchste Führungsebene in Riad vor Gericht zu stellen – das wird noch sehr lange dauern. Aber die Wahrheit herauszufinden und darauf aufbauend politische Konsequenzen für jene zu erwirken, die nachweislich in den Mord involviert waren, das ist mittelfristig machbar. 

ZEIT ONLINE: Wie könnte das gehen?

Callamard: Die türkischen Behörden müssten die Informationen, die sie über den Mord haben, öffentlich machen. Sie müssten in der Türkei eine öffentliche Untersuchung des Verbrechens anordnen. Auch die USA, wo Khashoggi vor seinem Tod gelebt hatte, sollten eine eigenständige Untersuchung anordnen. Die CIA und das FBI müssten ihre Informationen öffentlich zugänglich machen. Das könnte helfen, Rückschlüsse über die Verantwortlichkeiten einzelner Akteure aus dem Führungskreis des saudischen Königshauses zusammenzubringen. Und es könnte das Weiße Haus dazu zwingen, endlich zu reagieren. Denn im Moment ist es so, dass jeder Versuch vom Kongress, die Täter zur Verantwortung zu ziehen, von US-Präsident Donald Trump blockiert wird.

ZEIT ONLINE: Sie haben den Mord sechs Monate lang untersucht. Wie sind Sie vorgegangen?

Callamard: Die Informationen, die ich über die Planung und Organisation des Mordes von Khashoggi habe, stammen hauptsächlich von Tonbandaufnahmen, die der türkische Geheimdienst im Konsulat gemacht hat. Sie geben wichtige Details wider, mithilfe derer sich die Abfolge und die Umstände des Tötens rekonstruieren ließen.

ZEIT ONLINE: Das heißt, der türkische Geheimdienst hatte die saudische Botschaft verwanzt?

Callamard: Ich weiß nicht genau, wer die Wanzen installiert hat. Die Tonbandaufnahmen waren im Besitz des türkischen Geheimdienstes, deswegen liegt es nahe anzunehmen, dass er die Wanzen auch installiert hat. Ich habe einige Wochen verhandelt, bis man mir erlaubt hat, die Aufnahmen in einem Büro des Geheimdienstes anzuhören. Ich hatte meinen eigenen Übersetzer dabei, um die Aufnahmen aus dem Arabischen ins Englisch zu übersetzen. Ich habe aber nicht alle Aufnahmen anhören können.

ZEIT ONLINE: Warum nicht?

Callamard: Ich vermute, dass nicht alle Aufnahmen relevant für den Fall sind. Vielleicht haben sie auch befürchtet, dass bestimmte Aufnahmen zu viel über ihre Abhörmethoden verraten könnten. Kein Geheimdienst der Welt möchte so etwas veröffentlichen. Es kann aber auch sein, dass sie die restlichen Informationen selbst behalten wollten, um sie in der Zukunft etwa für eigene Gerichtsprozesse nutzen zu können. Aber ich habe genug gehört, um klare Schlussfolgerungen zu ziehen.