Die Vergangenheit vergeht nicht – nirgendwo trifft dieser Befund mehr zu als auf das Verhältnis zwischen Japan und Korea. Vierzig Jahre lang, von 1905 bis 1945, war Korea eine Kolonie des Tenno-Reiches, annektiert, ausgebeutet und seiner nationalen Identität brutal beraubt. Vor 74 Jahren hat es das japanische Joch abgeschüttelt, doch bis heute schwären die alten Wunden. In diesem Sommer haben sich die Regierungen in Seoul und Tokio in einen erbitterten Handelskrieg gestürzt, der die US-amerikanisch dominierte Sicherheitsarchitektur Ostasiens in ihren Fundamenten erschüttert.

Japans mangelnde Vergangenheitsbewältigung belastet nicht nur die chinesisch-japanischen Beziehungen, sie vergiftet zumal das Verhältnis zu der südkoreanischen Demokratie. Eine nachhaltige Aussöhnung wie zwischen Deutschland und Frankreich hat es nie gegeben. Besonders die Zwangseinweisung von etwa 200.000 Koreanerinnen, den sogenannten Trostfrauen, in die japanischen Militärbordelle macht auch ein Dreivierteljahrhundert danach noch immer böses Blut. Wohl schlossen die Regierungen in Tokio und Seoul 1965 einen Grundlagenvertrag, der den Südkoreanern 300 Millionen Dollar Aufbauhilfe und 200 Millionen günstiger Kredite zusprach, und 2015 handelte die Präsidentin Park Geyn Hue überdies eine Entschädigungssumme in Höhe von 8,2 Millionen Dollar für die noch lebenden ehemaligen Sexsklavinnen aus; sie wurden in eine "Stiftung zur Versöhnung und Heilung" einbezahlt. Damit sollten alle weiteren Ansprüche, auch die der einstigen Zwangsarbeiter, endgültig und unwiderruflich abgegolten sein.

Die neuerliche Verschärfung der Spannungen wurde im Oktober vorigen Jahres von einem Urteil des südkoreanischen Verfassungsgerichts ausgelöst. Es schloss Privatklagen nicht mehr aus, sondern verurteilte mehrere japanische Firmen, darunter Nippon Steel, ehemaligen Zwangsarbeitern eine Entschädigung zu zahlen. Danach eskalierte der Streit. Der südkoreanische Präsident Moon Jae In löste die Versöhnungsstiftung auf. Zudem kündigte er vor 14 Tagen das 2016 vereinbarte Geheimdienstabkommen GSOMIA, das einen Informationsaustausch vorsah – südkoreanische Überwachungserkenntnisse von der Militärgrenze am 38. Breitengrad gegen Ergebnisse der japanischen Satelliten- und U-Boot-Aufklärung. Seitdem hat sich die Auseinandersetzung zu einem regelrechten Handelskrieg ausgeweitet. Ministerpräsident Shinzo Abe, den manche Japans Trump nennen, hat von seinem Vorbild im Weißen Haus gelernt, was die Amerikaner unter weaponization of trade verstehen: Der Handel wird zur Waffe.

Die Gestaltungsmacht der USA ist dahin

Abe schlug jetzt mit dem großen Hammer zu. Er strich Südkorea von der "weißen Liste" befreundeter Nationen, deren Einfuhren aus Japan nicht langwierigen Exportkontrollen unterworfen werden. Unter die verschärften Beschränkungen fallen 857 von 1.120 strategischen Materialien – vor allem jedoch drei Chemikalien, die als Vorprodukte für die Herstellung von Halbleitern und Bildschirmen von größter Bedeutung sind. Wird ihre Lieferung verzögert oder ganz ausgesetzt, droht der Hightech-Industrie Südkoreas das absolute Chaos. Die Regierung in Tokio begründet ihr Vorgehen mit Sicherheitsaspekten und unterstellte der Regierung in Seoul, sie habe die UN-Sanktionen gegen Nordkorea unterlaufen.

Einen "Handelskrieger" nannte die Frankfurter Allgemeine Zeitung den japanischen Premier Abe. Doch steht ihm Präsident Moon an Unbedingtheit nicht nach. Beide sehen sich unter großem innenpolitischem Druck: Das Schwächeln der Wirtschaft legt Japanern wie Koreanern die Flucht in den Nationalismus nahe, der das Mächtemuster in Ostasien von Grund auf verändert. China könnte als größter Gewinner daraus hervorgehen. Der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un sieht sich nicht länger einer geschlossenen Front aus den USA, Japan und Südkorea gegenüber. Donald Trumps Regierung jedoch kann nur mahnen, warnen, sich entsetzt zeigen; ihre Gestaltungsmacht ist dahin. Noch einmal: Sie hat ihren ostasiatischen Verbündeten schließlich vorgemacht, wie man Handel als Waffe einsetzt. Das Ergebnis: Das Allianz-Dreieck USA, Japan und Südkorea bricht auseinander. Die USA haben 28.500 Soldaten in Südkorea stehen und 54.000 in Japan. Doch ihre beiden Alliierten liegen in einem schweren Konflikt miteinander.

Streit gibt es darüber hinaus nicht nur um zwei Felseninseln zwischen den beiden Ländern, Dokdo auf Koreanisch, Takeshima auf Japanisch, die Südkorea kontrolliert und die gleichzeitig von Japan beansprucht werden, sondern selbst um den Namen des umstrittenen Seegebiets – Sea of Japan oder East Sea. Auch geht es um Nickeligkeiten wie die Absicht der Südkoreaner, bei den Olympischen Spielen im nächsten Jahr ihre Sportler in einer eigenen Kantine zu verpflegen, um sie nicht der Gefährdung durch radioaktiv verseuchte Fukushima-Lebensmittel auszusetzen.

Die Europäer haben die Zuspitzung noch kaum wahrgenommen. Japan hat Südkorea im Würgegriff; es kann dem Nachbarn den wirtschaftlichen Atem nehmen. Die Südkoreaner wehren sich mit Macht gegen den verhassten früheren Kolonialherren. Überall im Lande sind Plakate geklebt: "Nicht kaufen, nicht reisen, nicht gegen Japan verlieren!" Japanische Waren – Bier, Lebensmittel, Industriegüter – werden boykottiert. Die südkoreanischen Touristen – 2018 waren es sieben Millionen – bleiben weg. Kaum mehr als ein Fünftel der Südkoreaner und Japaner hat von dem Nachbarvolk noch einen positiven Eindruck. Die Vergangenheit verdunkelt die Gegenwart und blockiert die Zukunft.