Matteo Salvini, stärkster Mann Italiens. Seine Lega holte 34 Prozent bei den Europawahlen – in den Umfragen lag sie teilweise sogar bei über 40 Prozent. Davon ist momentan aber nicht mehr viel übrig. "Sie werden uns so oft behindern können, wie sie wollen, aber wir werden weiterhin mit einem Lächeln vorwärtsgehen, um unserer Kinder willen", twitterte der ehemalige Innenminister am Freitag. Salvini wütet nur noch von der Oppositionsbank, im Kampf um Neuwahlen hat er sich verkalkuliert. Wie konnte es so weit kommen? Und noch viel wichtiger: Kann Salvini wiederkommen, vielleicht noch stärker als zuvor? 

Eine Antwort auf die erste Frage lässt sich in der kalabrischen Stadt Cosenza finden. Dort lebt Francesco Noto, der Mann, von dem viele in Kalabrien sagen, er habe Salvini zerstört. Francesco Noto, der von allen nur Ciccio genannt wird, ist 40 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder. Seine Frau hat eine Festanstellung im Staatsarchiv. "Sie bringt", wie er sagt, "das Geld nach Hause. Und ich kümmere mich um die Kinder." Zu der Übereinkunft mit seiner Frau gehört auch, dass er seine politische Leidenschaft ausleben kann. Ciccio Noto ist Teil der Aktivistengruppe Prendi Casa, was so viel heißt wie: Nimm dir ein Haus.

Auch wenn es zu den Kerntätigkeiten der Gruppe gehört, Häuser zu besetzen, so wäre es unzutreffend, Noto nur als Hausbesetzer zu bezeichnen. Er ist viel mehr als das. Prendi Casa wird überall dort aktiv, wo es soziale Not gibt. Davon gibt es in Cosenza nicht zu knapp, besonders im historischen Stadtkern, den die Behörden offenbar dem langsamen, unerbittlich fortschreitenden Verfall überlassen haben, samt der rund 6.000 Menschen, die hier immer noch leben. Das soziale Engagement macht Noto zum natürlichen Gegner Salvinis: "Er hetzt die Vorletzten gegen die Letzten auf. Die armen Italiener gegen die Migranten, Flüchtlinge gegen Roma", sagt er.

Plötzlich hörte man die Gegendemonstranten

Nachdem Salvini die Regierungskrise ausgelöst hatte, ging er auf seine inzwischen berühmt gewordene Beach-Tour – er kämpfte an den Stränden Italiens für Neuwahlen, die er erzwingen wollte, die aber letztlich nie stattfinden würden. Als Noto hörte, dass Salvini im 120 Kilometer von Cosenza entfernten Küstenort Soverato erwartet wurde, fuhr er hin, aus Neugier, aber auch aus einem vagen Gefühl heraus, vielleicht etwas gegen den Politiker unternehmen zu können, den er für gefährlich hält. Noto kam auf den Hauptplatz von Soverato und stellte sich ganz nach vorn, an die Absperrung, nur wenig Meter von der Bühne entfernt. Es war schon dunkel, als Salvini auftrat, der Platz war voller Menschen. Salvini redete wie immer: Er spottete, ätzte und hetzte. Noto wusste, dass irgendwo, weit hinten, auch Demonstranten waren, die Parolen gegen Salvini riefen. Doch man hörte sie nicht. Salvini übertönte sie alle. "Es war wie immer", sagt Noto, "er brüllte alle Gegner nieder. Dagegen wollte ich etwas tun." Also sprang Noto über die Absperrung, lief zu dem Generator rüber, der die Lautsprecheranlage mit Strom betrieb, zog den Schlüssel raus und warf ihn in hohem Bogen auf das nächstgelegene Dach.

Francesco (Ciccio) Noto © Antonino Condorelli

Salvini verstummte, und nun waren die Gegendemonstranten viel deutlicher zu hören. Es war das Italien, das nicht Salvini wählte, das Italien, das nicht von ihm regiert werden wollte. Die Polizei hielt Noto fest, doch er hatte sein Ziel erreicht. Die Szene aus Soverato wurde in den sozialen Medien ein Hit. Noto wurde binnen kürzester Zeit landesweit bekannt. Der Bann war gebrochen. Salvini schien plötzlich besiegbar. Das wirkte auf seine Gegner wie ein Motivationsschub. 

Am Tag darauf konnte man sehen, wie Salvini, aus dem Rathaus der sizilianischen Stadt Catania kommend, ausgepfiffen wurde, wie er schnell ins Auto stieg und, von einer Menschenmenge verfolgt, davonbrauste. Es sah wie eine Flucht aus. Und am folgenden Tag saßen Millionen Italiener vor den Fernsehschirmen und konnten mit ansehen, wie der amtierende Premierminister Giuseppe Conte Salvini abkanzelte, während dieser neben Conte sitzend wie ein ungezogener Schuljunge Grimassen schnitt. In wenigen Tagen war in der Öffentlichkeit der Nimbus des erfolgreichsten Populisten Europas gebrochen. Die Bewegung Fünf Sterne und die Sozialdemokraten von der Partito Democratico nutzten ihre Chance. Obwohl sie sich jahrelang aufs Übelste beschimpft hatten, bildeten sie rasch eine Koalition. Es gelang, weil sie ein gemeinsames Ziel haben: Salvini von der Macht fernhalten.