Peter Wurm rechnet mit einem Heimspiel, als er schnellen Schrittes auf das Cafe Birgit in Hall bei Innsbruck zusteuert. "In solchen Wirtshäusern haben wir 80 Prozent", sagt der Spitzenkandidat der FPÖ für Tirol. Drinnen begrüßen einige der Gäste den 54-Jährigen mit Handschlag. Wer ihn nicht kennt, hat ihn hier trotzdem schon einmal gesehen – auf den Flyern, die auf den Holztischen ausliegen. "Rettet das Beisl" steht in großen Buchstaben darauf. Und etwas kleiner: "Nein zum absoluten Rauchverbot". Von November an sollen alle Beisl – also die österreichischen Wirtshäuser – genau wie Restaurants, Bars und Cafés rauchfrei werden. Wurm will dieses Rauchverbot verhindern. Kommt es nach den Neuwahlen am Sonntag zu Koalitionsverhandlungen mit Sebastian Kurz' ÖVP, wird die FPÖ eine Aufweichung des Rauchverbots verlangen.

Wurm wirft seine Schachtel Camel auf den Tresen und bestellt einen Espresso. Es ist Freitagmittag, der vorletzte Tag im Wahlkampf. Am Sonntag findet in Österreich die Nationalratswahl statt. "Wir sind alle froh, wenn es vorbei ist", sagt Wurm. "Die Wähler sicher auch." Die Nachrichten aus Wien steigern nicht gerade die Motivation, am Smartphone verfolgt Wurm die Neuigkeiten zum Spesenskandal um Ex-Parteichef Heinz-Christian Strache. Ohne das Nachbeben zur Ibiza-Affäre hätte die FPÖ mit 20 Prozent der Stimmen rechnen können, nun dürfte das Ergebnis schlechter ausfallen.

Doch im Cafe Birgit hat Wurm es leicht. Zwar triezt sein Nebenmann ihn zunächst mit dem Hinweis, dass das Rauchverbot in anderen Ländern doch auch funktioniere. Der Gast steht mit seiner Vorfreude auf das Ende des Pofelns im Wirtshaus aber allein da. "Und bald verbieten sie uns auch den Alkohol", ruft eine blonde Frau quer über den Tresen, die rauchenden Damen mit Dauerwelle gegenüber stimmen zu, in der Ecke schimpft ein Mann im grauen Pullover, er werde halt zu Hause bleiben, wenn er im Café nicht rauchen dürfe. Wurm grinst. Die Debatte um das geplante Rauchverbot in Österreichs Kneipen wird emotional geführt. Und der Kandidat weiß dies im Wahlkampf für sich zu nutzen. Genau wie seine Partei, die FPÖ.

Peter Wurm im Rosengarten © Christian Bartlau

"Ganz Gallien ist erobert?"

Als Heinz-Christian Strache noch die FPÖ anführte, war er der Vorzeigeraucher der Partei, wie das HB-Männchen konnte er wüten, wenn er das Recht auf die "Tschick" – also die Zigarette – verteidigte. "Wo hört's denn auf? Als Nächstes kommt der Staat her und sagt, der Schweinsbraten ist ungesund, den dürft's nicht essen", sagte er Ende 2017 auf einem "Smoke-in". Da war das generelle Rauchverbot in der Gastronomie schon seit zwei Jahren beschlossen, im Mai 2018 sollte es in Kraft treten – die FPÖ machte das Aus für das Gesetz allerdings zur Koalitionsbedingung. Sebastian Kurz, selbst Botschafter der "Don't smoke"-Kampagne, knickte ein und ließ den Zorn der Mediziner über sich ergehen.

Peter Wurm gab in den vergangenen Monaten den Hansdampf im Parlament, er focht die großen Debatten aus, wenn er redete, drehte sich SPÖ-Chefin und Ärztin Pamela Rendi-Wagner schon mal genervt weg. Wurm machte nie einen Hehl daraus, dass er die Zigarette als Symbol sieht. "Ganz Gallien ist erobert? Nein, ein kleines Dorf will seine Bräuche weiterleben", sagt er im Juli im Parlament. Da hatte die ÖVP das Rauchverbot erneut beschlossen, nur die FPÖ stimmte dagegen.

Bleibt es dabei, dann ist die "Tschick" im Wirtshaus vom 1. November an Geschichte. "Es schaut so aus, dass die Puritaner, die Pharisäer und die politisch Korrekten das Ringen gewonnen haben", sagte Wurm im Nationalrat.

Er musste nicht erklären, wen er genau meinte, seine Wähler können die Codes übersetzen: die Grünen, die Sozialdemokraten, die urbanen Eliten. Auch all jene, die gerade in Innsbruck zu Tausenden beim Earth Strike gegen den Klimawandel auf die Straße gehen, während im Cafe Birgit gemütlich gepofelt wird. In der letzten Sitzung vor der Wahl hat Österreichs Parlament den Klimanotstand ausgerufen, im Alleingang dagegen: die FPÖ. "Was kommt als Nächstes", fragte Spitzenkandidat Norbert Hofer im ORF, nach dem Grund befragt. "Das Klimakriegsrecht? Wir brauchen keine Zöpferl-Diktatur."

"Rasen, Rauchen, Rassismus"

Politische Beobachter sehen das Land in einem Kulturkampf. Christoph Hofinger, Chef des Sozialforschungsinstituts Sora und so etwas wie Österreichs Herr der Umfragen, drückt es so aus: "Österreich scheint sich in eine 'rechte' und eine 'linke' politische Kultur aufzuspalten." Eine Spaltung, die entlang ähnlicher Bruchlinien verlaufe wie in den USA: Auf der rechten Seite die eher autoritär geprägte Politik des "strengen Vaters", auf der linken der Ansatz der "fürsorgenden Eltern".

Wie die rechte Variante sich in Politik übersetzt, zeigten die 17 Monate Koalition von ÖVP und FPÖ: Sie führte Schulnoten ab der ersten Klasse wieder ein, verbot die Gesichtsverhüllung, kürzte die Mindestsicherung für Ausländer – und testete Tempo 140 auf der Autobahn. "Rasen, Rauchen und Rassismus", fasste die Chefin der liberalen Neos, Beate Meinl-Reisinger, das Programm zusammen.