Noch hat niemand "Ibiza" gesagt, und die Zeit läuft bald ab. Es ist Donnerstagabend vor der Parlamentswahl in Österreich, im öffentlich-rechtlichen ORF wird die Elefantenrunde ausgestrahlt. In einem Lokal – halb Bar, halb Sneakerladen – haben die Neos, Österreichs Liberale, ein kleines Public Viewing organisiert. Etwa 35 überwiegend junge Menschen sitzen vor einer Leinwand und sehen, wie sich die Spitzenkandidaten gegenseitig attackieren. Damit es nicht langweilig wird, haben die Veranstalter des Public Viewings ein "Bullshit-Bingo" ausgeteilt: Wer es schafft, alle Wörter oder Phrasen auf seinem Zettel ("Können wir jetzt endlich einmal über Bildung sprechen?") auszustreichen, bekommt Getränkegutscheine.

Es ist eine Aktion, die so typisch für die Neos ist. Sie ist eine junge Partei, das betrifft ihr Gründungsjahr (2012) wie auch das Alter ihrer Mitarbeiter. Nach der vorgezogenen Nationalratswahl an diesen Sonntag werden die Neos aller Voraussicht nach nicht nur die jüngste, sondern auch die kleinste der Parlamentsparteien sein. Die Stimmung ist gut. Nicht nur, weil sich die Partei im politischen System Österreichs etabliert hat und in Umfragen bei acht bis neun Prozent liegt. Sondern auch, weil die Chancen auf eine Regierungsbeteiligung nach der Wahl weiterhin am Leben sind.

Dabei hat es gar nicht immer so gut ausgesehen für die Neos. Noch vor zwei Jahren lag die Partei in Umfragen immer wieder gefährlich nah an Österreichs Vier-Prozent-Hürde, die den Einzug ins Parlament erlaubt. Verglichen mit Deutschland und anderen europäischen Staaten hat das Land eine schwach ausgeprägte liberale Tradition. Die wenigen klassischen Liberalen wurden von Jörg Haider ab 1986 aus der FPÖ gedrängt, die Abspaltung Liberales Forum (LIF) flog bei der Wahl 1999 aus dem Parlament.

Sebastian Kurz - Vom Geilo-Mobil bis zur Kanzlerschaft In Österreich wird am Sonntag ein neues Parlament gewählt. Warum dabei am ehemaligen Kanzler Sebastian Kurz kein Weg vorbeiführt, zeigt unser Video. © Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Abtrünnige der Österreichischen Volkspartei

Die Neos bildeten sich 2012 als ein Verbund von Menschen, die "die Politik erneuern wollten". Viele kamen aus der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), worüber heute nicht mehr so gerne geredet wird, weil sie auf keinen Fall als Abspaltung gesehen werden wollen. Die Partei sog mit der Zeit andere, bestehende liberale Gruppierungen auf. 2013 gelang den Neos, entgegen mancher Prognosen, sogar der Einzug in den Nationalrat.

Seitdem hat Österreichs Parlament wieder eine klassische "liberale" Partei: im Bereich der Gesellschaftspolitik oder Migration eher links, wirtschaftspolitisch eher rechts verortet. Der Vergleich mit der FDP liegt nahe, allerdings ist die Außenwahrnehmung eine etwas andere. Die Neos werden mittiger wahrgenommen als ihre deutsche Schwesterpartei. Viele prominente Köpfe kommen eher aus dem urbanen, sozialliberalen Milieu, auch wenn sie das so niemals sagen würden. Es gibt in der Partei wenige Wolfgang Kubickis, und einen Satz wie "Die Menschen müssen sich sicher sein, auch wenn jemand anders aussieht und nur gebrochen Deutsch spricht, dass es keinen Zweifel an seiner Rechtschaffenheit gibt", wie ihn Christian Lindner 2018 auf dem FDP-Parteitag sagte, würde man von der Neos-Chefin Beate Meinl-Reisinger eher nicht hören.

Meinl-Reisinger ist Gründungsmitglied der Neos, ihren aktuellen Job hat sie aber noch nicht lange.