Seit 17 Jahren führt Recep Tayyip Erdoğan die Türkei. Etliche Wahlen hat er seitdem gewonnen und viele Wählerinnen und Wähler werden nicht müde, ihm bis heute für bessere Lebensbedingungen in der Türkei zu danken. Doch die Erfolge des Präsidenten haben nicht nur mit den wirtschaftlich fetten Jahren zu tun – sondern sind auch eng mit der Unfähigkeit der türkischen Opposition verzahnt. Die war oft sehr zerstritten und so lange Zeit kein ernstzunehmender Gegner. Das ändert sich aber gerade: Zum Leid des türkischen Präsidenten tauchen ausgerechnet in Zeiten sinkender Beliebtheitswerte neue politische Kontrahenten auf. Einer sitzt in Istanbul, der andere in Ankara und ein dritter im Gefängnis. Tatsächlich könnten sie eine Kurskorrektur der Türkei herbeiführen und zumindest die absolute Macht Erdoğans brechen.

Am stärksten zu spüren ist das neue politische Klima am Bosporus. Seit seiner Wahl zum Oberbürgermeister von Istanbul verblüfft Ekrem İmamoğlu viele Türken. Der 49-jährige Politiker der Mitte-links-Partei CHP hatte bei landesweiten Kommunalwahlen im März gegen den Kandidaten der Regierungspartei AKP mit nur 20.000 Stimmen Vorsprung gewonnen. Als der Sieg annulliert wurde, trat İmamoğlu Ende Juni wieder an und gewann erneut – mit einem Vorsprung von 800.000 Stimmen. Seitdem profiliert er sich zunehmend mit einer für türkische Verhältnisse ungewöhnlichen Art von Politik: Statt vor laufenden Kameras wütend über AKP-Vertreter herzuziehen, setzt İmamoğlu auf subtilere Methoden und gibt sich als erfolgreicher Verwaltungspolitiker.

İmamoğlu hat angekündigt, mehr Geld in den Verkehr und in die Sozialeinrichtungen der Millionenmetropole zu investieren. Zum Ärgernis der Regierung kappte der neue Oberbürgermeister dafür "unnötige Ausgaben". So drehte er mit einer seiner ersten Amtshandlungen den Geldhahn für AKP-nahe Stiftungen zu, die jahrelang von Istanbuls Stadtkasse mitfinanziert wurden. Erdoğans Kinder sitzen zum Teil in deren Gremien.

Istanbuls Bürgermeister setzt auf Wow-Effekt

İmamoğlus neuester Coup gegen die AKP war besonders medienwirksam: Auf einer mehr als 200.000 Quadratmeter großen Fläche im Süden der Stadt (europäische Seite) ließ er vor zwei Wochen 730 geleaste Fahrzeuge der Behörden aufreihen. Jährliche Kosten: 50 Millionen Lira (acht Millionen Euro). Sie sollen den Istanbulern zeigen, wie verschwenderisch der vorige AKP-Bürgermeister war. Welchen Zweck die Fahrzeuge haben, sei völlig unklar, sagte İmamoğlu. Die Verträge für die Fahrzeuge seien beendet worden. Die verbliebenen regierungskritischen Zeitungen Sözcü, Cumhuriyet und BirGün druckten Fotos von den Autos ab. Die AKP wirft İmamoğlu nun vor, seinen neuen Posten als Showman zu missbrauchen. Für Erdoğan kommen İmamoğlus Entscheidungen zu einem schlechten Zeitpunkt, denn die Türken reagieren mittlerweile sehr allergisch auf das Thema Geldverschwendung. Aus gutem Grund.

Im vergangenen Jahr verlor die Türkische Lira deutlich an Wert. Die Inflationsrate erreichte mehr als 20 Prozent. Im Juli 2019 lag sie immer noch bei mehr als 16 Prozent. Die Panik von damals hat sich zwar etwas gelegt, doch der Lirakurs ist immer noch sehr schwach gegenüber dem Dollar und anderen Weltwährungen. Und weil das Land stark vom Import abhängt, sind viele Produkte um einiges teurer geworden. Inzwischen sind nicht nur türkische Großfirmen betroffen, sondern auch Mittelständler wie Bauern und Tischler, die für Einfuhren von Düngemitteln oder Werkzeugen mehr bezahlen müssen.

Das ist auch an Erdoğan nicht spurlos vorbeigegangen. Laut dem Umfrageinstitut MetroPOLL ist seine Beliebtheit seit Juli 2018 um fast zehn Punkte gefallen. Standen damals noch 53,1 Prozent hinter dem Präsidenten und AKP-Chef, waren es im August dieses Jahres nur noch 44 Prozent. Das gewachsene Gefühl für Ungerechtigkeit im Land und die wirtschaftlich schwierige Lage sehen Beobachter als Hauptgrund für die Wahl von İmamoğlu. Und der tut vieles, um diese enttäuschten Türken weiter abzufangen. Alte Abwehrparolen Erdoğans, mit denen er schon in der Vergangenheit politische Gegner als Terrorunterstützer beleidigte, nützen wenig, weil sie beim Volk nicht mehr so gut ziehen.

Der CHP-Politiker ist aber auch deshalb so schwer greifbar für den Präsidenten, weil İmamoğlu bei öffentlichen Auftritten niemanden direkt attackiert. Den Namen des Präsidenten erwähnt er fast nie. Vor laufenden Kameras gibt er sich als normaler Bürgermeister einer Großstadt. Sein Vorteil: Seine Politik wird in der ganzen Türkei gesehen. Wer 1.800 Kilometer weiter im Osten des Landes sitzt und den Fernseher einschaltet, kommt an Istanbul nicht vorbei. Die Stadt ist Kulisse zahlreicher Serien und immer im Fokus der Nachrichtensendungen. Den Rest erledigen verbliebene regierungskritische Medien, die İmamoğlu so oft sie können feiern.