In Johnny's Pizza ist am Freitagabend wenig los. Das Nachtleben in der überschaubaren Innenstadt von Utica beschränkt sich hier auf einen Flachbildfernseher. Es läuft ein College-Football-Spiel. An einem Vierertisch mit Servietten und eingeschweißten Menükarten sitzen Steve Keblish und Jay Groah. Die beiden sind verheiratet und Republikaner. Keblish dient seit Jahren in der Nationalgarde, Groah betreibt ein Büro für Innenarchitektur. Das Paar wirkt harmonisch – zumindest, bis es um Donald Trump und die Ukraine-Affäre geht. "Wenn es etwas gäbe, womit die Demokraten wirklich eine gute Grundlage für ein Amtsenthebungsverfahren hätten – dann ist das sicherlich dieses Telefongespräch", sagt Keblish. Der Ehemann widerspricht. "Ich bitte dich, natürlich war das unangebracht, aber so ein Scheiß passiert doch ständig", sagt Groah und verspeist ein Stück Marzipankuchen. "Politik besteht eben aus Hinterzimmerdeals, das war bei früheren Präsidenten nicht anders."

Groah ist ein treuer Anhänger von Donald Trump. "Ich finde seine Persönlichkeit faszinierend. Wir leben in einer politischen Welt, in der einfach alle Politiker Angst haben, ihre wahre Meinung kundzutun. Als ob sie sich immer auf die Zunge beißen würden." Bei Trump sei das anders, sagt Groah. Er habe bewirkt, dass nun auch seine Gegner offener formulierten, wofür sie politisch stünden. Während Groah von Trump und dessen impulsiven Politikverständnis schwärmt, versucht Keblish mit einem leicht aufgesetzt wirkenden Grinsen seinem Ehemann durch Gesten klarzumachen, dass er das ganz anders sieht.

"Unsere Partei war einmal wie ein großes Zelt"

Nicht nur zwischen Keblish und Groah haben die Ereignisse der letzten Wochen neue Gräben aufgerissen. Kaum eine Schlagzeile der großen Zeitungen dreht sich nicht um die Ukraine-Affäre. Nun hat Trump bei seinen Anhängern offensiv um Unterstützung geworben. Die oppositionellen Demokraten würden versuchen, den Amerikanern ihre Stimme zu nehmen, sagte er in einer Videobotschaft. Zumindest bei Nathaniel Bowers trifft er damit einen Nerv.

"Jeder kann einen verdammten Telefonanruf tätigen", findet der Trump-Anhänger Nathanial Bowers © Jörg Wimalasena für ZEIT ONLINE

Der 60-Jährige – mit Vollbart und einer mit einer Donald-Trump-Mütze in Camouflagefarben betritt er die Pizzeria – ist ein treuer Unterstützer des Präsidenten. "Das ist doch alles Müll" poltert Bowers über die Ukraine-Affäre. "Die Demokraten sind doch nur böse, weil Trump gegen Hillary Clinton gewonnen hat." Ein Amtsenthebungsverfahren allein wegen eines Telefonanrufs? Bowers kann es nicht fassen. "Jeder kann einen verdammten Telefonanruf tätigen." Auf die Frage, ob Trump irgendetwas tun könnte, um seine Unterstützung zu verlieren, antwortet Bowers klar "Nein". Bei der Frage nach den politischen Inhalten, die Bowers an Trump schätzt, wird der Rentner allerdings einsilbiger. "Die Mauer" sei ihm wichtig, sagt er. Doch es wirkt nicht, als hätte er sich intensiv mit der politischen Agenda des Präsidenten auseinandergesetzt.

Auch der Republikaner Keblish glaubt, dass vor allem Trumps Persönlichkeit dessen Erfolg erklärt. "Mitt Romney war 2012 unser Kandidat. Aber wer sonntagmorgens keine Polittalkshows guckte, kannte ihn vermutlich nicht mal." Trump dagegen sei durch seine Reality-TV-Show und zahlreiche andere Auftritte seit Jahrzehnten im ganzen Land bekannt. Und Groah fügt hinzu: "Beim Phänomen Donald Trump geht es nicht um irgendwelche Inhalte. Es geht um seine Person. Seine Anhänger kennen und lieben ihn. Nichts wird sie davon abhalten, ihn zu unterstützen."

Keblish ist Generalsekretär der Partei in Utica und seit seiner Jugend Republikaner der alten Schule: wenig staatliche Einflussnahme, verantwortungsvoller Umgang mit Steuergeldern und individuelle Verantwortung für das eigene Leben. Im republikanischen Mainstream der Ära Donald Trump kommen diese Themen allerdings nur noch am Rande vor. "Unsere Partei war einmal wie ein großes Zelt, in dem viele verschiedene Meinungen und Menschen Platz hatten – und jetzt sind wir in eine Nische abgedriftet", sagt der 37-Jährige.

Es gab einmal eine Zeit, in der ein Mann wie Steve Keblish als Beispiel dafür hätte dienen können, wie groß das Zelt der Republikaner wirklich ist. Afghanistan-Veteran, schwul, politisch engagiert– quasi ein republikanisches Ebenbild des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Pete Buttigieg. Keblish ist ein leiser Mann, der seine Worte sorgfältig wählt. Die Republikaner, die das Bild seiner Partei in den Medien prägen sind das Gegenteil. Laut, forsch und kaum zu Kompromissen bereit. Statt für den Mauerbau an der Grenze zu Mexiko interessiert Keblish sich für Stadtentwicklung in Utica. Er kandidiert für den Stadtrat und engagiert sich für die Wiederbelebung der durch überdimensionierte Infrastruktur verschandelten Innenstadt von Utica. Es wirkt, als wolle Keblish mit seinem freundlichen Auftreten zeigen, dass auch in der Ära Trump die republikanische Partei nicht nur aus den oft fanatisch wirkenden Anhängern des US-Präsidenten besteht.

Oneida County im Bundesstaat New York steht dabei exemplarisch für die Regionen, in denen Donald Trump die Präsidentschaft gewonnen hat. Die Industriestadt Utica markiert das östliche Ende des rust belt ("Rostgürtels") der unter dem Zusammenbruch der Produktionsgewerbes besonders gelitten hat. Erst brachen zur Mitte des vergangenen Jahrhunderts die Textilunternehmen zusammen, dann folgte die Industrie. Fast 58 Prozent der Wähler im Oneida County stimmten vor knapp drei Jahren für Donald Trump. Ein Großteil der Wahlbezirke außerhalb von New York City entschied sich 2016 ebenfalls für den Immobilienmilliardär. Während die Finanzmetropole an der Ostküste boomt, kämpft der Rest des Bundesstaates mit dem Strukturwandel. Entsprechend anders als im tief demokratischen New York City bewertet man hier auch die Präsidentschaft Trumps.