Mit Mitte 20 Staatssekretär für Integration, kurz darauf Außenminister, dann Parteichef, schließlich Kanzler mit gerade einmal 31 Jahren. Sebastian Kurz’ politische Biografie ist eine der Superlative. Und seit Sonntagabend ist sie um einen reicher: Mit 37,4 Prozent gewinnt der Ex-Kanzler die Nationalratswahl deutlich. Verglichen mit 2017 hat seine ÖVP noch einmal 5,6 Prozentpunkte dazugewonnen. Die zweitplatzierten Sozialdemokraten kommen lediglich auf 21,8 Prozent der Stimmen. Noch nie seit Bestehen der Zweiten Republik war der Abstand so deutlich. Kurz hat seine politischen Gegenspieler nicht besiegt, er hat sie deklassiert.

Wie hat er das geschafft? Im Mai zerbrach seine Koalition an der Ibiza-Affäre. Vom Dilettantismus seines ehemaligen Koalitionspartners blieb am jungen Kanzler nichts hängen. Einer seiner Mitarbeiter schredderte Festplatten – was aufflog, weil dieser die Rechnung dafür nicht zahlte. An Kurz’ Popularität änderte sich: nichts. Dann deckte der Falter auf, mit welchen kreativen Tricks seine Partei die Obergrenze für Wahlkampfspenden zu umgehen versuchte. Und Kurz’ Umfragewerte: blieben unverändert hoch.

Der neue Kanzler mahnt zur Demut

Kurz ist ein politischer Hasardeur. 2017 hatten er und einige seiner Getreuen den damaligen ÖVP-Chef und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner genervt, bis der im Mai beide Ämter aufgab. Mitterlehner, der sich bis dato für eine jüngere, weiblichere, liberalere Volkspartei eingesetzt hatte, ließ sich übrigens in diesem Wahlkampf dazu hinreißen, in einem Wahlwerbespot der Sozialdemokraten aufzutreten.

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  • Gewinne und Verluste
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Kurz, Außenminister unter Mitterlehner, übernahm die Partei und schnitt sie völlig auf sich zu, neuer Look, neuer Name. "Neue Volkspartei, Liste Sebastian Kurz", so tritt sie seitdem zur Wahl an. Eitel bis zur Selbstverliebtheit war das. Aber auch hochriskant. Wie würde das traditionsbewusste ÖVP-Milieu reagieren? Kurz’ Wette ging auf, denn die Koalition mit den Sozialdemokraten ging in die Brüche und er führte seinen ersten Wahlkampf als Spitzenkandidat. Unter denkbar schweren Voraussetzungen: 2016 hatte es die ÖVP es nicht in die Stichwahl um das Amt des Bundespräsidenten geschafft. Und in Umfragen zur Nationalratswahl lag Anfang 2017 die FPÖ vorn, die SPÖ auf Platz zwei. Die ÖVP war abgeschlagen. Es sah nach einem Kanzler Strache aus.

Doch Kurz drehte die Stimmung. Er nahm den Rechtspopulisten Wählerstimmen ab, indem er ihre Themen übernahm und sich als der Schließer der Balkanroute inszenierte. Kurz triumphierte – und schloss eine Koalition mit den Rechtspopulisten.

Viele Optionen – aber keine leichten

Jetzt, zwei Jahre später, die nächste Sensation. Von einem Sieg für die ÖVP waren alle ausgegangen. Von der Deutlichkeit sind nun selbst die Parteioberen überrascht. Er sei "ein Stück sprachlos", sagt Kurz, als er etwa eine Stunde nach der ersten Hochrechnung vor seine Anhänger tritt. "Wir haben mit einem guten Ergebnis gerechnet, aber nicht so ein Ergebnis erwarten können." Der Jubel der Parteibasis im noblen Kursalon Hübner in der Wiener Innenstadt ist ohrenbetäubend. Kurz müht sich, keine Triumph-Stimmung aufkommen zu lassen: "Wir werden sehr behutsam mit dem Vertrauen umgehen."

Der Wahlsieg fiel deutlich aus, der nächste Kanzler wird wieder Kurz heißen, so viel ist sicher. Dennoch steht ihm jetzt eine heikle Aufgabe bevor: einen Koalitionspartner finden. Eine Präferenz hatte er im Wahlkampf nie erkennen lassen – vielmehr sich alle Optionen offen gehalten. Er werde auf alle im Parlament vertretenen Parteien zugehen, sagt Kurz im ORF. Sonst bringt auch der Wahlabend keinen Aufschluss, wer mit wem regieren wird.

Das sind nach der Wahl die möglichen Bündnisse für Kurz: