Es sind noch fast 14 Monate bis zur nächsten amerikanischen Präsidentschaftswahl am 3. November 2020. Noch haben die Demokraten keine einzige Vorwahl abgehalten, in denen das Parteivolk darüber abstimmt, welche Kandidatin oder welchen Kandidaten es ins Rennen gegen Donald Trump schicken will. Dieser Wettbewerb beginnt erst im Februar 2020 und wird sich bis zum nächsten Frühsommer hinziehen.

Bislang haben sich die mehr als zwanzig Bewerber lediglich in mehreren Debatten dem Fernsehpublikum gestellt. In der dritten TV-Runde vergangene Woche durften gemäß den strengen Regeln der Demokratischen Partei nur noch zehn Kandidaten an den Start – und zwar jene, die nach mehreren Meinungsumfragen und Zahl der Geldspender die offenbar aussichtsreichsten sind. Vorn liegt derzeit Joe Biden, Barack Obamas ehemaliger Vize.

Doch darf man so lange vor den Wahlen bereits prognostizieren, wer die besten Chancen gegen Trump haben wird? Seit dessen Sieg 2016 sollte man eigentlich gelernt haben, dass sich in diesen politisch derart volatilen Zeiten Voraussagen verbieten. Denn damals lautete die – falsche! – Annahme, der auch der Autor dieser Zeilen erlag: Ein so konservativer und im reaktionären weißen Wählermilieu verankerter Kandidat wie Donald Trump könne in dem sich demografisch derart rasant wandelnden Amerika nicht mehr Präsident werden.

Auch bei Obama hieß es: keine Chance

Der Grund dieser Annahme: Amerikas Bevölkerung wird immer weniger weiß und weniger angelsächsisch. In einigen Jahrzehnten, spätestens 2045, werden die ethnischen Minderheiten zusammengerechnet die Mehrheit bilden. Und diese neue Mehrheit, insbesondere Afroamerikaner und Amerikaner mit lateinamerikanischen oder asiatischen Wurzeln, stimmt überwiegend für die Demokraten.

Wer also künftig ins Weiße Haus einziehen wolle, so das Fazit, dürfe nicht ausschließlich auf weiße Wähler setzen, sondern müsse mindestens ebenso energisch um die Stimmen der ethnischen Minderheiten werben. Doch Donald Trump demonstrierte gegen alle Voraussagen, dass man auch mit der Umwerbung bestimmter weißer Wähler – und dank des eigentümlichen amerikanischen Wahlsystems – den Sieg schaffen kann.

Dennoch haben derzeit wieder einmal Prognosen über die Siegesaussichten demokratischer Präsidentschaftskandidaten unverdrossen Konjunktur. Derzeit lauten sie: Wer gegen Trump gewinnen wolle, dürfe nicht zu links sein, sonst gewinne er keine Wähler zurück, die den Demokraten und deren Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton 2016 verloren gingen.

Wer weiß, vielleicht stimmt das. Aber vielleicht aber auch nicht. Womöglich ist auch das Gegenteil richtig.

Einige Beispiele: Wie gesagt, in den Meinungsumfragen und bei den Geldspenden für den Wahlkampf führt derzeit Joe Biden. Von ihm heißt es, er sei ein Mann der Mitte, politisch gemäßigt, erfahren, als Person beliebt, ein Brückenbauer. Eben jemand, der über die Parteigrenzen hinaus wirke und nach dem rabiaten Trump das gespaltene Volk wieder versöhnen könne.

Hätte Sanders Trump schlagen können?

Die zwei anderen an der Spitze hingegen, Bernie Sanders, der selbst ernannte Sozialist, und Elizabeth Warren, die streitbare Harvard-Professorin, seien wie Trump als Personen nicht sonderlich beliebt. Vor allem aber seien sie viel zu links. Ihre Forderung nach einer staatlichen Krankenversicherung für alle Amerikaner sei der Mehrheit des Wahlvolks nicht zu vermitteln.

Die allgemeinen Bedenken gegen zwei weitere Spitzenkandidaten: Pete Buttigieg, ein Bürgermeister aus dem Bundesstaat Indiana, ist schwul und, so wird gesagt, sei schon deshalb für viele Amerikaner nicht wählbar. Kamala Harris, Senatorin aus Kalifornien, sei nicht nur Frau, sondern obendrein schwarz und in dieser Kombination für viele Amerikaner derzeit eine Überforderung. Die Mehrheit der Wählerschaft, so die Behauptung, sei nach wie vor im Kern sozial und kulturell konservativ. Die Bedenkenliste ließe sich endlos fortsetzen, auch gegenüber den weiteren Kandidaten.

Diese Einwände mögen alle zutreffen, aber mit genauso plausiblen Argumenten lassen sich die Bewerber anders betrachten. Zum Beispiel: Sollte Joe Biden Präsidentschaftskandidat werden, wird er im nächsten Herbst bereits 78 Jahre alt sein – acht Jahre älter als Trump bei seiner Kandidatur 2016. Biden gehört seit Langem zum politischen Establishment, er mischt schon seit den Siebzigerjahren mit. Er ist bei Weitem der Bekannteste auf dem Kandidatenkarussell, ihn muss man den Amerikanern nicht erst vorstellen.

Das ist ein Vorteil, aber womöglich ebenso ein Nachteil. Denn der Bekannteste ist auch der politisch Traditionellste, der am wenigsten Überraschende – und am wenigsten Inspirierende. Zu den Erfolgsvoraussetzungen eines Wahlsiegers gehört auch: Wer Trump schlagen will, darf nicht allein darauf setzen, dass genügend Amerikaner den 45. Präsidenten um jeden Preis loswerden wollen. Ein demokratischer Herausforderer muss die Wähler auch für sich und für seine Ideen begeistern können, sonst bleiben sie am Wahltag womöglich zu Hause. Das widerfuhr Hillary Clinton.