Am Sonntag wählt Österreich einen neuen Nationalrat. Die rechtspopulistische FPÖ wird erneut stark abschneiden – auch wenn ihr nach zahlreichen Skandalen Verluste drohen. Wer sind eigentlich diejenigen, die trotz allem FPÖ wählen und warum entscheiden sie in der Wahlkabine so. Und sind das die gleichen Menschen, die in Deutschland für die AfD stimmen? Die Wiender Politikwissenschaftlerin Julia Partheymüller hat vergleichende Studien in beiden Ländern durchgeführt und weiß, was beide Parteien unterscheidet.

ZEIT ONLINE: Wer sind die Österreicherinnen und Österreicher, die die Rechtspopulisten wählen?

Julia Partheymüller: Bei der Nationalratswahl 2017 wählten fast 50 Prozent der sogenannten unskilled Workers, also der einfachen Arbeiter, die FPÖ. Auch unter den Arbeitern mit höherer Qualifikation war es knapp jeder Zweite. In dieser Gruppe ist die Partei also deutlich überrepräsentiert im Vergleich zur gesamten Bevölkerung, wo 26 Prozent FPÖ wählten. Eine weitere relativ typische Wählergruppe sind zum Beispiel auch die Kleinselbstständigen. Ein Trend, der so ähnlich übrigens auch für die AfD in Deutschland gilt.

ZEIT ONLINE: Ein Blick auf die Wahlkreise zeigt: Rechtspopulismus scheint auch vom Wohnort abhängig zu sein. Die Provinz wählt anders als die Stadt.

Partheymüller: Dieses Phänomen haben wir für die Wahl 2017 bei der FPÖ untersucht: Tatsächlich war sie sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum erfolgreich – am schwächsten schnitt sie in Vororten und Mischgebieten ab. Der entscheidende Faktor ist die sozioökonomische Zusammensetzung des Wahlbezirks und nicht, ob dieser auf dem Land oder in der Stadt liegt. Nimmt man komplexere Modelle, verschwindet der Einfluss des Wohnorts auf die Wahlentscheidung fast ganz.

Migration schlägt bei der Wahlentscheidung ökonomische Präferenzen

ZEIT ONLINE: Welche Faktoren beeinflussen eine Wahlentscheidung sonst noch?

Partheymüller: Wer einer Kirche angehört, fühlt sich tendenziell noch stärker den christdemokratischen Parteien verbunden, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Einen solchen Einfluss hatte traditionell auch die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft für linke Parteien – die immunisierende Wirkung gegen Rechtspopulismus ist in dem Fall heute aber deutlich schwächer.

ZEIT ONLINE: Sowohl die FPÖ in Österreich als auch die AfD in Deutschland geben sich gern als Arbeiterpartei – ihr Personal pflegt aber gleichzeitig einen elitären Habitus und richtet sich programmatsch auch an Gut- und Besserverdiener.

Partheymüller: Die FPÖ speist ihre Stärke tatsächlich aus unterschiedlichen Milieus. Und es gibt auch hier einen Unterschied zwischen Wählern und Parteiaktivisten. Aber das ist ein Stück weit normal: Generell rekrutieren sich die Führungspositionen der meisten Parteien aus höheren sozialen Schichten.

ZEIT ONLINE: Bei der Nationalratswahl am Sonntag kann die FPÖ laut Umfragen auf 20 Prozent der Stimmen hoffen. Offenbar hat die Ibiza-Affäre den Rechtspopulisten nicht übermäßig geschadet, oder?

Partheymüller: Das kann man so nicht sagen. Kurz nach der Affäre waren Europawahlen und da hat die FPÖ mit 17,2 Prozent in etwa ihr Ergebnis von der vorigen EU-Wahl halten können. Die Mobilisierung hätte aber weit stärker ausfallen können.

ZEIT ONLINE: Ein Teil der Wählerschaft scheint trotzdem immun zu sein für die Ibiza-Affäre.

Partheymüller: Es gibt einen sehr treuen Kern von FPÖ-Wählern. Für sie ist die ideologische Orientierung, die Ablehnung von Migration, wichtiger als das Skandal-Geschehen. Zudem hat die FPÖ ein kluges Management bewiesen und den damaligen Vizekanzler Heinz-Christian Strache aus der Verantwortung abgezogen – ohne ihn allerdings so weit zu verstoßen, dass es zu einer Spaltung der Partei gekommen wäre. Im Fall eines Parteiausschlusses hätte er womöglich eine eigene Partei gegründet. So wie Jörg Haider, der damals die FPÖ verlassen hat und mit seiner BZÖ angetreten ist. Das hat der FPÖ geschadet.

Die AfD wird von vielen als rechtsradikale Partei gesehen

ZEIT ONLINE: Deutschland hat mit der AfD eine Partei, die der FPÖ thematisch und mit Blick auf die Wählerschaft ähnelt, offen für Arbeiter wie Besserverdiener: Kann man rechtspopulistische Parteien dieses Typs als Sammlungsbewegung verstehen?

Partheymüller: Jede Partei setzt sich aus mehreren politischen Strömungen zusammen. Es braucht aber stets ein verbindendes Element. Die rechtspopulistischen Parteien sind sich vor allem einig in ihrer ablehnenden Haltung gegenüber Migration. Ganz anders ist es etwa, wenn es um ökonomische Fragen geht: Da hat man Unternehmer, die eher Steuersenkungen wollen, die Arbeiter, die höhere Mindestlöhne und mehr Umverteilung fordern. Aber die Migrationsfrage überdeckt das. Bei den Sozialdemokraten es das genau umgekehrt: Die sind sich im Prinzip einig beim Sozialstaat, in Fragen der Migration aber gespalten.

ZEIT ONLINE: Die AfD hat zum Beispiel bis heute kein Rentenkonzept, weil sich Markt- und Sozialstaatsbefürworter nicht einig werden. Ist den Wählern dieser Parteien im Zweifel das Thema Migration bei der Wahlentscheidung wichtiger als ihre ökonomischen Präferenzen?

Partheymüller: Das Migrationsthema dominiert die Wahlentscheidung bei den Wählerinnen und Wählern rechtspopulistischer Parteien. Aber ein Rezept ist natürlich, die Themen Migration und Umverteilung zu kombinieren. Dann ist man beim Wohlstandschauvinismus: Ja zum starken Sozialstaat, aber eben nur für manche Leute.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Grund dafür, dass Rechtspopulisten zuletzt stets auch Wählerstimmen von linken Parteien absaugen konnten?

Partheymüller: Die Trennung zwischen linken und rechten Parteien verlief lange entlang ökonomischer Parameter. Das Migrationsthema schneidet quer dazu. Man kann sowohl ökonomisch links als auch ökonomisch rechts sein und trotzdem gegen Migration. Die Arbeiterschaft zum Beispiel ist grundsätzlich zwar ökonomisch links, für Umverteilung, Arbeitsmarktschutz und Mindestlöhne. Aber kulturell gesehen ist sie weniger offen. Multikulturalismus ist in diesem Milieu ein wenig populäres Konzept.

ZEIT ONLINE: Worin unterscheiden sich AfD und FPÖ? 


Partheymüller: Ein markanter Unterschied ist, dass die AfD in Deutschland von vielen, die sie nicht wählen, als rechtsradikale Partei angesehen wird. Und rein wissenschaftlich wird sie auch so eingeordnet. Auch die FPÖ würde in dieselbe Kategorie gehören. Nur hat man sich in Österreich mehr damit abgefunden und die Partei wird als weniger radikal angesehen. Die Frage, wie rechts die FPÖ ist, stellt sich Österreich eigentlich kaum noch jemand. Es gibt zwischen den beiden Parteien also eine andere Gesamtwahrnehmung in der Bevölkerung.

ZEIT ONLINE: Ist das im Fall der FPÖ ein Ermüdungseffekt? Die AfD gibt es ja erst seit 2013, während die FPÖ über 60 Jahre alt ist.

Partheymüller: Die anderen Parteien haben in Österreich viele Forderungen der FPÖ eins zu eins übernommen. Das macht es natürlich schwer zu erklären, warum eine Partei radikal sein soll, wenn viele andere dieselben Forderungen vertreten.