Er hat ein hohes Risiko in Kauf genommen, alles auf eine Karte, seine Person, gesetzt und grandios gewonnen. Sebastian Kurz, Ex-Kanzler und wohl auch der nächste Kanzler Österreichs, triumphierte bei den Parlamentswahlen in Österreich. Seine Volkspartei konnte fast sechs Prozentpunkte zulegen und kam auf über 37 Prozent der abgegebenen Wählerstimmen.

"Es ist der Tag des Sebastian Kurz", verkündete Karl Nehammer, der Generalsekretär des Wahlsiegers, während auf der Wahlparty der ÖVP überschäumender Jubel aufbrauste. Dass der junge Überflieger die Wahl gewinnen würde, daran hatte niemand gezweifelt, aber dass der Vorsprung derart deutlich ausfällt und einem kleinen Erdrutsch gleichkommt, das dürfte selbst die eigenen Parteigänger überrascht haben. Die Sozialdemokraten fielen auf knapp 22 Prozent und die rechtspopulistischen Freiheitlichen (FPÖ), mit denen Kurz bis zur Veröffentlichung des skandalträchtigen Ibiza-Videos eine Regierungskoalition gebildet hatte, wurden geradezu zertrümmert, verloren zehn Prozentpunkte und stürzten auf 16 Prozent ab.

Österreich - ÖVP gewinnt Nationalratswahlen Die konservative Volkspartei von Sebastian Kurz erreicht laut ersten Hochrechnungen 37 Prozent der Stimmen. Die rechtspopulistische FPÖ verliert rund 10 Prozentpunkte. © Foto: Leonhard Foeger/Reuters

Für die FPÖ, die vor allem mit ihrer gnadenlosen Migrationspolitik punkten wollte, ist die Niederlage ein schwerer Schlag. Letztlich haben ihr die Turbulenzen rund um den ehemaligen Parteichef Heinz-Christian Strache, dessen Inselplauderei, dessen opulentes Spesenkonto und dessen Weigerung, sich zurückzuziehen, viel an Bedeutung gekostet. Ob das auch für deren politisches Kernthema gilt, sei dahingestellt. Schließlich propagierte auch Kurz den gesamten Wahlkampf lang, wenn auch mit versöhnlicheren Tönen, einen harten Kurs in der Migrationsfrage.

Sebastian Kurz hat mit dem Ergebnis eine zweite Chance bekommen, Österreich zu regieren. Rechnerisch wäre sogar eine Koalition mit dem zweiten großen Sieger des Wahltages, den Grünen, möglich. Sie schaffen mit einem Rekordergebnis von über 14 Prozent den Wiedereinzug ins Parlament. Doch keine der möglichen Koalitionsvarianten ist ohne Risiko. Bei den Freiheitlichen wird über kurz oder lang ein Richtungskampf zwischen dem Führungsduo ausbrechen, die Sozialdemokraten sind gedemütigt und kaum als Regierungspartei legitimiert und ein Bündnis mit der Ökopartei ist bei beiden möglichen Partner höchst umstritten und dürfte dank der knappen Mehrheit wenig stabil zu sein.

Seine zweite ist auch seine letzte Chance

Die Entscheidung, wer letztlich der Mehrheitsbeschaffer sein wird, trifft Sebastian Kurz wohl im Alleingang. In der ÖVP hat er nach wie vor das Sagen, die innerparteilichen Kritiker werden jetzt wieder verstummen. Bislang schien Kurz zu einer Neuauflage seiner alten, umstrittenen Koalition mit der FPÖ zu neigen und sprach davon, eine "anständige Mitte-rechts-Politik" betreiben zu wollen.

Sebastian Kurz - "Wahlergebnis ist eine große Verantwortung" Mit der konservativen ÖVP hat Sebastian Kurz die Nationalratswahlen in Österreich gewonnen. Das deutliche Ergebnis habe er so nicht erwartet. © Foto: Leonhard Foeger/Reuters

Entschließt er sich tatsächlich dazu, setzt er seinen bisherigen Hochrisikokurs fort. Denn bei den auf ihre Kernwähler reduzierten Rechtspopulisten wird sich die Bestrebung durchsetzen, sich mit radikalen Positionen und Tönen noch stärker als kompromisslose Rechtspartei zu profilieren. Die FPÖ hat jedoch bereits kurz nach den ersten Hochrechnungen angedeutet, dass sie voraussichtlich gar nicht zur Verfügung steht. "Wir interpretieren das nicht als unser Ziel, hier in Regierungsverhandlungen eintreten zu wollen. Dafür hat uns der Wähler nicht stark gemacht", sagte FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky.

Egal, wen er am Ende wählt: Sebastian Kurz weiß, dass er keine dritte Chance mehr bekommen wird. Scheitert auch seine zweite Regierungskoalition, geht seine politische Karriere dem Ende zu. Daher kommt noch eine Variante ins Spiel, mit der Kurz am Beginn des Wahlkampfes schon einmal geliebäugelt hat: Er könnte sich dazu entschließen, sich auf eine Minderheitsregierung auf Zeit einzulassen, die sich wechselnde Mehrheiten im Parlament sucht – oder, wahrscheinlicher, mit der Duldung einer anderen Partei. Da kommen vermutlich die Sozialdemokraten ins Spiel. Sie könnten das als Vorleistung auf ein zukünftiges Bündnis mit Kurz verstehen und in der Zwischenzeit ihre schweren personellen Probleme zu lösen versuchen. Es wäre die Variante, die der Spielernatur von Sebastian Kurz mit ihrer Bereitschaft, stets selbst im Mittelpunkt zu stehen, am ehesten entspricht. 

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