Sebastian Kurz ist als klarer Sieger aus der vorgezogenen Nationalratswahl in Österreich hervorgegangen. Ein Blick auf die Wahlergebnisse in den Gemeinden zeigt, wie stark seine ÖVP abgeschnitten hat: Von Niederösterreich im Nordosten bis ins Vorarlberg im Südwesten ist die politische Landkarte überwiegend türkis eingefärbt – die Farbe der ÖVP.

Für die Auswertung bilden wir für die Wahllokale aller 2.096 Gemeinden jeweils die stärkste Kraft ab. Die Ergebnisse der Briefwahl sind nicht berücksichtigt, da sie erst später ausgezählt werden. Die Aufbereitung zeigt, dass die ÖVP in vielen Bundesländern nahezu unangefochten dominiert. In der 45 Einwohnerinnen und Einwohner zählenden Tiroler Gemeinde Gramais holte die Partei von Kurz annähernd 100 Prozent der abgegebenen Stimmen. Die SPÖ konnte vor allem in Oberösterreich, der Steiermark und dem Burgenland einzelne Gemeinden gewinnen. Auch am südlichsten Ausläufer Kärntens entschieden die Sozialdemokraten die Wahl wie schon 2017 für sich.

Großer Wahlverlierer ist die FPÖ, deren früherer Chef Heinz-Christian Strache mit dem sogenannten Ibiza-Video die Neuwahl ausgelöst hatte. Der Absturz der Rechtspopulisten um zehn Punkte auf 16 Prozent zeigt sich insbesondere in Kärnten. Bei der Wahl 2017 war das traditionelle Kernland der Freiheitlichen noch überwiegend blau. Doch selbst dort konnte die ÖVP nun stark hinzugewinnen, sodass die FPÖ nur noch circa eine handvoll Gemeinden klar für sich entschied.

Beim Blick auf die stärksten Regionen der Parteien wird allerdings deutlich, dass Kärnten für die FPÖ trotz der Verluste zentral bleibt. Die SPÖ ist dagegen vor allem im Zentrum stark. Die Überraschungsgewinner der Wahl, die Grünen (13,5 Prozent), konnten insbesondere in den großen Städten und deren Einzugsgebieten punkten. Einen grünen Fleck gibt es allerdings nicht: Stärkste Kraft wurde die Partei in keiner Gemeinde.

Beim Verhältnis von Stadt und Land galt in Österreich bisher: Während auf dem Land viele ÖVP-Wähler wohnen, punkten in den Städten, vor allem in Wien, die Sozialdemokraten und die Grünen. Das erklärt auch, wieso im Wahlkampf ein Video kursierte, in dem Kurz das ländliche Waldviertel seine Heimat nennt. Kurz stammt zwar aus dem 12. Wiener Gemeindebezirk Meidling, doch Waldviertel ist der Herkunftsort seiner Verwandten.

Die politische Stadt-Land-Teilung bestätigt sich bei dieser Wahl nur noch in Teilen. Wien etwa wählt im Unterschied zur Fläche erneut rot, auch wenn die ÖVP leicht aufholen konnte. Auch in Linz wird die SPÖ mit knapp 30 Prozent stärkste Kraft, was allerdings einem Minus von rund sieben Prozentpunkten entspricht. Die ÖVP legt hier um 3,2 Punkte auf 25 Prozent zu. In Klagenfurt überholt die Partei von Sebastian Kurz die SPÖ allerdings und ist mit 32 Prozent stärkste Kraft, auch Graz entscheidet sie klar für sich. Beachtlich ist Innsbruck, wo die ÖVP ebenfalls an den Sozialdemokraten vorbeizieht – und die Grünen knapp 14 Prozentpunkte hinzugewinnen konnten.

ÖVP zieht Stimmen bei FPÖ ab

Welche Stimmen konnte Sebastian Kurz mobilisieren? Die Wählerwanderung zeigt, dass die ÖVP gut 86 Prozent ihrer Wählerinnen und Wähler von 2017 erneut zur Wahl holen konnte. Bei den anderen Parteien überzeugte Kurz vor allem FPÖ-Sympathisanten: Aus diesem Lager wurden etwa 258.000 Stimmen abgezogen. Von der SPÖ kamen rund 74.000. Allerdings verlor die ÖVP nach ihrer kontroversen Koalition mit der FPÖ merklich an das progressive Lager: Die liberalen Neos gewannen 83.000 ÖVP-Stimmen, die Grünen immerhin 54.000.

Wählerwanderung

Die SPÖ konnte nur 68 Prozent ihres Wählerpotenzials von 2017 erneut mobilisieren. Sie verlor stark – 193.000 Stimmen – an die Grünen sowie 74.000 an die ÖVP. Mut dürfte den Sozialdemokraten machen, dass sie 45.000 Nichtwähler (inklusive Erstwähler) für sich begeistern konnte.

Der Absturz der FPÖ macht sich in einer eher niedrigen Remobilisierung von 54 Prozent bemerkbar. Neben den drastischen Verlusten an die ÖVP entschieden sich beachtliche 235.000 frühere Unterstützer der FPÖ, dieses Mal nicht wählen zu gehen.

Zahlenmäßig größter Gewinner sind die Grünen, die nach 3,8 Prozent im Jahr 2017 mit enormen Zuwächsen in den Nationalrat zurückkehren. Die größten Zugewinne erzielen sie von der SPÖ, von den Neos sowie der progressiven Wahlliste Jetzt kommen je etwa 90.000 Stimmen. Die Neos wiederum können diesen Verlust ausgleichen: Sie zogen 83.000 Stimmen von der ÖVP ab.

Parlamentswahl - Die ÖVP steht nach Wahlsieg vor schwierigen Koalitionsverhandlungen Eine Neuauflage der im Mai geplatzten Koalition mit der FPÖ wäre möglich. Auch ein Bündnis mit den Grünen bietet sich an. Knackpunkt ist die Migrationspolitik. © Foto: Michael Gruber/​Getty Images