Es war eine kleine Sensation: Vor rund vier Wochen, am 20. September, gingen Hunderte Menschen in Ägypten auf die Straße, in Kairo, aber auch in Alexandria, Suez und Mansoura. Sie protestierten gegen das Regime von Machthaber Abdel Fattah al-Sisi, gegen die Armut, die Unterdrückung und die Korruption der Militärführung. Es waren die ersten Demonstrationen seit Jahren. Solche Proteste sind unter Al-Sisi sehr gefährlich und die Reaktion folgte sogleich: Mehr als 4.000 Menschen wurden seither verhaftet und noch immer geht das Regime gegen die Zivilgesellschaft vor. Mohamed Lotfy ist der Direktor der ägyptischen Nichtregierungsorganisation Egyptian Commission for Rights and Freedoms (ECRF) mit Sitz in Kairo. Die Organisation dokumentiert Menschenrechtsverletzungen in Ägypten, mit einem Schwerpunkt auf willkürlichen Verhaftungen.

ZEIT ONLINE: Herr Lotfy, die ägyptischen Sicherheitskräfte gehen noch immer sehr hart gegen die Ägypter vor. Zu welcher vorläufigen Bilanz kommen Sie?

Mohamed Lotfy:
Das Regime hat in den vergangenen Wochen rund 4.300 Menschen verhaften lassen, in Städten und Dörfern im ganzen Land. Etwa 800 davon wurden auf Anweisung der Staatsanwaltschaft gegen eine Kaution freigelassen. Etwa 130 wurden ohne Anklage freigelassen. Etliche sind noch immer verschwunden.

ZEIT ONLINE: Die große Mehrheit ist also noch in Haft. Wer wurde verhaftet und mit welchen Vorwürfen?

Lotfy: Die Verhafteten sind zumeist ganz normale Ägypter, die nichts mit Politik zu tun haben. Viele von ihnen waren nicht mal an den Protesten beteiligt. Ihnen werden Dinge vorgeworfen wie "Zugehörigkeit zu einer terroristischen Vereinigung", "Teilnahme an illegalen Protesten" oder die "Verbreitung von Falschinformationen". Diese Vorwürfe sind sehr gefährlich, denn darauf stehen schwere Strafen. Man muss verstehen: Für das Regime ist jeder ein Terrorist, der auch nur die kleinste Kritik äußert. Wer den Präsidenten nicht unterstützt, gilt als Terrorist.

ZEIT ONLINE: Warum schlägt das Regime im Moment so stark zurück?

Lotfy: Weil es Angst vor einem möglichen Machtverlust hat. Die Unzufriedenheit bei den Ägyptern ist groß. Viele Ägypter, auch jene, die Al-Sisi einst unterstützten, haben die Geduld verloren. Für sie kommt gerade vieles zusammen: Das jahrelange harte Vorgehen des Regimes und der Sicherheitskräfte gegen die eigene Bevölkerung, die Berichte über die Verschwendungssucht des Präsidenten, der sich Paläste und Luxusvillen bauen lässt, während sein Volk verarmt. Viele junge Menschen finden keine Arbeit und haben keine Perspektiven. Unter Al-Sisi ist das Leben für viele Ägypter noch schwieriger geworden. Dieser Frust schlägt sich nun Bahn, und das eben nicht nur bei jungen gebildeten Leuten, sondern nun auch bei ganz normalen Ägyptern. Die Militärführung sieht dadurch ihre Herrschaft bedroht. Statt auf die Forderungen der Demonstranten einzugehen und Reformen einzuleiten, Gefangene aus der Haft zu entlassen oder die politische Sphäre zu öffnen, schlägt sie mit aller Härte zurück.

Dass sie nun auch normale Menschen festhalten, liegt daran, dass die politisch aktiven Ägypter ohnehin schon im Gefängnis sitzen. Al-Sisi ließ nach seiner Machtübernahme 2013 zunächst die Anhänger der Muslimbrüder verfolgen, dann die jungen Liberalen, seit etwa vier Jahren geht er gezielt gegen Aktivisten und mögliche politische Konkurrenten vor. Mehr als 60.000 Menschen sind im Gefängnis, nun kommen noch mal Tausende hinzu. Sie verhaften sogar Kinder, mindestens 177 der Verhafteten sind unter 18 Jahren.

ZEIT ONLINE: Das Regime geht auch gegen die einstigen Revolutionäre vor, also jene prominenten Aktivisten, die 2011 gegen den Langzeitdespoten Hosni Mubarak protestiert hatten. Viele von ihnen hatten sich an den jüngsten Protesten gar nicht beteiligt.

Lotfy: Das Regime versucht, zu verhindern, dass diese Menschen erneut zu Protesten aufrufen und die Massen mobilisieren könnten. Sie haben es ja schon mal geschafft, einen Präsidenten zu stürzen, und das will das Regime mit allen Mitteln verhindern. Sie verhaften diese einstigen Revolutionäre also, um auszuschließen, dass sie sich mit der jetzigen Protestbewegung zusammenschließen können.

ZEIT ONLINE: Kann man sagen, Al-Sisi versucht, die Revolution 2011 vergessen zu machen und die Geschichte neu zu schreiben?

Lotfy: Ja, das versucht er, seit er 2013 die Macht übernommen hat. Sein Regime tut das, indem es Kritiker – Journalisten, Blogger, Künstler, Aktivisten – einschüchtert und ins Exil zwingt, ins äußere wie ins innere. Die, die in Ägypten bleiben, werden verhaftet und gefoltert. Jeder, der auf friedvolle Weise versucht, in Ägypten demokratische Prinzipien durchzusetzen, wird mundtot gemacht.