Den Amazonaswald zerstören? Das ist ein gefährliches Geschäft für ganze Kerle. Sie hausen von Moskitos umschwirrt in improvisierten Camps im Wald, hantieren ohne Schutzkleidung mit gigantischen Kettensägen, fahren Lastenschlepper voller Tropenholz über reißende Flüsse auf baufälligen Brücken. Man kann sich das alles ansehen, denn die "Máfia da Tora", die Baumstamm-Mafia, hat einen eigenen Social-Media-Auftritt. Die Männer sind stolz auf ihre Arbeit und geben gern damit an, je abenteuerlicher, desto besser. In Brasilien hat kaum noch ein Holzfäller Angst, sein Gesicht im Internet zu zeigen.

Der Amazonaswald wird in diesen Tagen weiter umgesägt und abgefackelt. Doch der Blick auf das Verschwinden des Waldes von außen und die Sichtweise vor Ort könnten gerade nicht unterschiedlicher sein. Die Weltmedien haben über die vergangenen Wochen voller Entsetzen über die Zehntausenden Brandherde berichtet, die dieses größte zusammenhängende Urwaldstück der Erde dezimieren. Politikerinnen und Politiker aus vielen Ländern protestierten gegen die massive Zunahme der Abholzungsraten in Brasilien, die im August zuletzt um 222 Prozent höher ausfielen als im gleichen Monat des Jahres zuvor. Frankreich, Irland, Österreich und Luxemburg haben interveniert, um das geplante Freihandelsabkommen zwischen der EU und dem südamerikanischen Mercosur-Raum auf Eis zu legen – wegen des Baumfällens und der Feuer.

"Sie nennen mich Hauptmann Kettensäge"

Doch in Brasilien regt die Entwaldung die Menschen viel weniger auf – und am wenigsten die Hälfte der Bevölkerung, die hinter dem rechtsradikalen Präsidenten des Landes Jair Bolsonaro steht. Bolsonaro und sein Team halten das fortschreitende Roden für eine gute Sache. Bolsonaro selbst wünscht sich eine rasche wirtschaftliche Erschließung des Gebiets und macht sich über die Sorgen von Umweltschützerinnen und Umweltschützern gern lustig. ("Sie nennen mich Hauptmann Kettensäge", witzelte er etwa über seine Kritikerinnen im August dieses Jahres in São Paulo.) Sein Umweltminister Ricardo Salles besuchte noch im Juli eine Versammlung von Holzfällern und nannte sie "die guten harten Arbeiter" seines Landes.

Und die internationale Aufregung um die Großbrände parierte die Regierung mit zunehmend bizarren Verleugnungen: Der Amazonaswald sei "unangetastet", erklärte Bolsonaro im September vor den Vereinten Nationen – obwohl seit den Siebzigerjahren bereits 20 Prozent davon verschwunden sind. Die Fernsehbilder über die Amazonasgroßfeuer schob er mal wohltätigen Nichtregierungsorganisationen in die Schuhe, die sich als Brandstifter betätigt hätten, um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Mal machte er indigene Völker für die Brände verantwortlich oder nannte sie einfach "Medienlügen". Den Chef der nationalen Satellitenbehörde, der vor der schnell voranschreitenden Abholzung warnte, setzte Bolsonaro rasch ab.

Dabei werden jetzt – wo die Amazonasfeuer aus den Weltnachrichten wieder verschwunden sind – die wahren Zusammenhänge immer klarer. "Die Holzfäller fühlen sich inzwischen ermächtigt!" "Die glauben, dass Bolsonaro ihnen jetzt alles erlaubt!" Das hört man in diesen Tagen von Mitarbeiterinnen der Umweltschutzbehörde Ibama – unter der Hand, denn die Regierung in Brasilien hat den Beschäftigten dieser Behörden verboten, mit den Medien zu sprechen. Holzfäller wie die Máfia da Tora und ihre Auftraggeber – regionale Landspekulanten und Viehwirte auf der Suche nach neuen Weidegründen – nutzen die neuen Zeiten, um die bislang unberührten Wälder an sich zu reißen. Der allergrößte Teil dieser Abholzung ist illegal – aber am Amazonas hat man den Eindruck, dass das inzwischen egal sei.

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Wo es brennt, wurde zuvor abgeholzt

Klar ist inzwischen, dass die Großfeuer am Amazonas menschengemacht sind – und eine direkte Folge der Entwaldung. Amazonasforscherinnen können das gut nachweisen, indem sie die Orte der Brände mit den Satellitenerfassungen der jüngsten Abholzungen abgleichen. Der Ablauf ist immer gleich: Erst werden die großen, alten Bäume umgesägt, aus dem Wald geschafft und verkauft. Dann werden mit einer schweren Kette, üblicherweise von zwei Raupenfahrzeugen gezogen, die schmaleren Bäume zu Fall gebracht. Nach ein paar Wochen Trockenzeit wird das Gebiet in Brand gesteckt. Genau dieser Prozess war in diesem Jahr im Rekordausmaß auf den Satellitenbildern und Luftaufnahmen zu sehen.

Wo heute ein Feuer brennt, da wurde im April, Mai oder Juni abgeholzt. Und da die Abholzungsgeschwindigkeit laut den Satellitendaten seither weiter zugelegt hat, sind noch weitere Großbrände zu erwarten. Die Zahl der Feuer im September ist offenbar etwas zurückgegangen, weil in einigen Teilen des Waldes intensiver gelöscht wird und wegen der vorübergehenden Regenfälle. Dies gilt aber nur für den Amazonasraum – in den angrenzenden Biotopen wie der Cerrado-Savanne und der Sumpfregion Pantanal nehmen die Feuer weiterhin zu. Und auch im Amazonas dauert die brandgefährliche Trockenperiode noch bis November an.