Trotz Aufrufen zur Zurückhaltung sind Sicherheitskräfte im Irak gewaltsam gegen Demonstranten in Bagdad vorgegangen. Die Proteste richteten sich gegen Korruption und die schwierigen Lebensbedingungen im Irak. Dabei wurden sechs Menschen verletzt, ein Mann starb. Aus dem Gesundheitsministerium hieß es, die Todesursache werde ermittelt. Wie Augenzeugen berichteten, hatten Sicherheitskräfte mit Tränengas und Schüssen in die Luft eine Demonstration auf einer Hauptstraße im Südosten Bagdads aufgelöst.

Irakischen Medien zufolge hatte es an mehreren Orten der Hauptstadt Proteste gegeben. Auf Bildern des TV-Senders Al-Sharqiya war zu sehen, wie Demonstranten eine Straße sperrten und Reifen anzündeten. Auch im nördlichen Bezirk Al-Schaab und im südlichen Bezirk Saafaranija soll auf Protestierende geschossen worden sein.

Bereits am Dienstag waren in Bagdad und in anderen Städten des Landes Proteste gegen die politische Führung des Landes ausgebrochen. Auch hier gingen die Sicherheitskräfte mit Gewalt vor. Dabei kamen nach Angaben der Regierung zwei Menschen ums Leben, mindestens 200 weitere wurden verletzt, unter ihnen auch 40 Polizisten. Einer der verletzten Demonstranten erlag inzwischen seinen Verletzungen. Die Regierung ordnete eine Untersuchung an. Ministerpräsident Adil Abd al-Mahdi rief zur Ruhe auf.

Nach den Protesten hatte der irakische Präsident Barham Salih die Polizei zu Zurückhaltung aufgefordert und die Gewalt vom Vortag verurteilt. Friedlicher Protest sei ein Verfassungsrecht, sagte Salih. Da am Mittwoch der zentrale Tahrir-Platz abgesperrt war, wichen die Demonstranten in die Außenbezirke Bagdads aus.

Korruption und chronische Engpässe

Die UN-Sonderbeauftragte für den Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert, gab ihr "tiefes Bedauern über die Todesopfer" und ihre "massiven Sorge" über die Gewalt zum Ausdruck. Ein Sprecher des irakischen Innenministeriums erklärte, die Gewalt sei von "Eindringlingen" verübt worden, welche die Sicherheitskräfte unterwandert hätten. Das Parlament ordnete eine Untersuchung an.

Die Proteste richten sich vor allem gegen Korruption im irakischen Regierungsapparat, aber auch gegen die chronischen Engpässe bei der Strom- und Wasserversorgung. So gehört das Land zu den größten Ölproduzenten der Welt, leidet aber unter einem Energiemangel. Viele Gebiete sind nach dem Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" zerstört.

Wegen der schlechten Infrastruktur und Arbeitslosigkeit herrscht in der Bevölkerung großer Frust. So liegt die Jugendarbeitslosigkeit laut der Weltbank bei 25 Prozent. Zu den Protesten hatte dieses Mal keine Partei aufgerufen, was ungewöhnlich ist. Eine Zeitung schrieb von den ersten Protesten "ohne Flagge, ohne Plakate und ohne Parteislogan".