Auf Twitter kursieren die Videos über Polizeigewalt unter dem Hashtag #FascistState oder #sPain, einem Kunstwort aus Spanien und Schmerz. Zu sehen sind Momentaufnahmen wie diese: Auf einer breiten Straße sitzt eine Reihe von Demonstranten auf dem Boden, da stürzt die Polizei auf sie zu. Die Menge rennt weg, einer steht zu spät auf und wird von fünf Beamten brutal geschlagen. In einem anderen Video fährt ein Mannschaftswagen der Mossos einen Demonstranten an, die Umstehenden schreien panisch. Andere Polizeifahrzeuge fahren "Karussell". So heißt es, wenn Mannschaftswagen in Schlangenlinien über die Straße fahren, um die Demonstrierenden zu vertreiben. Ist das Polizeitaktik? Ein Klick weiter findet sich das Video von einem Mann, der ganz offensichtlich mit einem Wassereimer loszieht, um ein Feuer zu löschen: Fünf Polizisten stürzen sich auf ihn, werfen ihn zu Boden, schlagen auf ihn ein, verhaften ihn. Inzwischen ist der Mann wieder frei. Ist eine solche Reaktion im Eifer des Gefechts zu verstehen?

Der Katalonienkonflikt war schon immer in erster Linie ein Propagandakrieg. Jetzt, wo er tatsächlich von gewaltsamen Auseinandersetzungen begleitet wird, erst recht. Um das zu erkennen, reicht der Griff zur Fernbedienung. Während auf dem katalanischen Fernsehsender TV3 Demonstranten von unverhältnismäßiger Polizeigewalt berichten, ist auf dem spanischen Privatkanal Tele5 fast ausschließlich von Grausamkeiten gegenüber der Polizei die Rede. Am Freitag, als die Gewalt ihren Höhepunkt erreichte, sollen Polizisten mit Motorsägen angegriffen worden sein. Der Radiosender Cadena SER hat ein Video aus dem Inneren eines Wagens der spanischen Polizei veröffentlicht. Steine prasseln gegen das Fahrzeug, einer der Beamten fürchtet, dass die Gummigeschosse ausgehen könnten: "Das hier ist die Hölle." Bereits in den Tagen vorher waren Molotowcocktails und mit Säure gefüllte Glasflaschen gegen die Beamten geflogen. Ein Polizeihelikopter wurde mit Feuerwerkskörpern attackiert. "Sobald wir uns blicken ließen, wurden wir von Demonstranten direkt angegriffen", sagt ein Polizeigewerkschafter.

Katalonien hat in der vergangenen Woche die schlimmsten Krawalle seit Jahrzehnten erlebt. Fast 264 Autos wurden bisher zerstört, mehr als 800 Container brannten. Ampeln, Straßenmöbel, der Straßenbelag wurden zerstört. Auf 2,7 Millionen Euro beläuft sich der Sachschaden nach Schätzungen. Noch erschreckender sind die Verletztenzahlen: Fast 600 Menschen mussten ärztlich behandelt werden. 298 davon sind Polizisten, fast alles Beamte der spanischen Polizei. 13 der Verletzten liegen noch im Krankenhaus, darunter eine Demonstrantin mit Schädel-Hirn-Trauma und ein schwer verletzter Nationalpolizist. Sein Helm wurde am Freitag von einem Gegenstand durchschlagen. Am Montag besuchte ihn der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez.

"Einsatz von Gewalt war ganz eindeutig proportional"

Der spanische Innenminister Fernando Grande-Marlaska schmetterte am Samstag jede Nachfrage nach der Verhältnismäßigkeit der Gewalt ab. "Wir haben es mit gut organisierten, extrem gewaltbereiten Gruppen zu tun", sagte der Innenminister. "Wir bedauern die Verletzten, aber der Einsatz von Gewalt war ganz eindeutig proportional."

Grande-Marlaska bezog sich dabei vor allem auf die vier Menschen, die bei den Krawallen ihr Augenlicht verloren hatten – durch Gummi- oder Hartschaumgeschosse. In vielen europäischen Staaten ist ihr Einsatz verboten. Im Gegensatz zu Prellungen oder Brüchen heilen solche Verletzungen nicht und empören daher besonders die Öffentlichkeit. Als sich am Freitag auf der Plaça Urquinaona Polizisten und Demonstranten Straßengefechte lieferten und meterhohe Rauchschwaden ganze Häuserfassaden schwarz färbten, flohen ein paar Demonstranten in einen Hauseingang und zeigten einem ARD-Kameramann anklagend eine Handvoll Gummikugeln, die sie auf der von Glassplittern und Steinen übersäten Straße aufgeklaubt hatten. "Die sind verboten!", rief einer.

Tatsächlich hat die katalanische Polizei deren Gebrauch seit 2013 untersagt und verwendet statt dessen Foamgeschosse. Die spanische Polizei verwendet weiter Gummigeschosse und auch Tränengas. Bei den Einsätzen in Katalonien arbeiten Policía Nacional, Guardia Civil und Mossos d'Esquadra unter einem zentralen Kommando zusammen. Da die Richtlinien nur für den jeweiligen Polizeikörper gelten, sind die Gummigeschosse also nicht illegal.