Robert Talisse lehrt Philosophie an der Vanderbildt-Universität in Nashville in Tennessee und beschäftigt sich vor allem mit Fragen der gesellschaftlichen Polarisierung. 

ZEIT ONLINE: Herr Talisse, am Donnerstag stimmt das Repräsentantenhaus zum ersten Mal über die Impeachment-Ermittlungen gegen Präsident Donald Trump ab. Die Anhörungen werden vermutlich von nun an öffentlich geführt und im Fernsehen übertragen. Was bedeutet das für die Wahrnehmung des Verfahrens? Werden die Wähler das Ganze eher als ermüdend empfinden oder doch eher als live übertragenen Politikthriller?

Talisse: Bis jetzt haben die Demokraten das Verfahren vorbildlich gestaltet. Aber die öffentlichen Anhörungen könnten Trump und seinen Unterstützern natürlich auch nützen. Es gibt dann jede Menge visuelles Rohmaterial, aus dem sie die Erzählung ableiten könnten, dass es sich bei dem gesamten Verfahren um eine "Hexenjagd" handelt. Jeden, der kein Trump-Loyalist ist, werden sie als Lügner, Feigling und Feind der Demokratie darstellen. Es bleibt abzuwarten, ob die amerikanische Öffentlichkeit diese Erzählung nach Betrachtung der Fakten akzeptieren wird.

ZEIT ONLINE: Der Präsident und seine Anhänger sprechen von einer Hexenjagd, die entschiedensten Gegner des Präsidenten wollten ihn dagegen schon lange vor der Ukraine-Affäre loswerden. Woher kommt diese starke Polarisierung? 

Robert Talisse: Es scheint tatsächlich manchmal, als würden Demokraten und Republikaner in verschiedenen Universen leben, was Fakten, Wissen und die Wahrnehmung der Realität angeht. Bei allen sich bietenden Gelegenheiten haben Präsident Trump und ein Großteil der Republikanischen Partei jeden angegriffen, der gegen Trump aussagte. Jedem Zeugen, der nicht loyal ist, werden Ehre, Integrität und Ehrlichkeit abgesprochen. Für diese Leute kann es gar kein zuverlässiges oder wahrheitsgemäßes Zeugnis von jemandem geben, der Trump nicht unterstützt.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das? Nicht nur Politiker sind ja polarisiert, sondern inzwischen ist ja fast die gesamte Gesellschaft in den USA gespalten.

Talisse: Das liegt vor allem an der Polarisierung des Wertesystems. In den sozialen Medien und auch zunehmend im Alltag begegnen wir Menschen, die uns ähnlich sind und die die gleichen Werte teilen. Die ständige Spiegelung unserer eigenen Haltungen sorgt dafür, dass wir immer extremere Positionen einnehmen. Gleichzeitig erscheinen uns jene, die andere Ansichten haben, immer fremder und bösartiger.

ZEIT ONLINE: Wer also nur mit Konservativen verkehrt und den konservativen TV-Sender Fox News schaut, der hat also tatsächlich einen anderen Sinn für Realität als jemand, der das liberale Pendant MSNBC schaut? 

Talisse: Na ja, wir alle wollen halt nicht ständig darüber nachdenken, ob wir auf der richtigen Seite stehen. Deshalb legen wir uns die Dinge so zurecht, dass sie simpel erscheinen. Zudem bekommen wir unser Bild von politischen Gegnern meistens von Menschen, die auf unserer Seite stehen. Das schafft eine riesige Distanz. Wir können uns nicht einmal über Fakten einigen, weil wir unser Gegenüber einfach so abstoßend finden, dass wir gar nicht erst nach einer gemeinsamen Kommunikationsgrundlage suchen wollen.

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ZEIT ONLINE: Sie sprechen häufig von einer Polarisierung der Identitäten. Was meinen Sie damit genau?

Talisse: Heutzutage sind viel größere Teile der Lebensführung politisiert. Fährt man einen Hybrid-Wagen oder einen Pick-up-Truck? Wo und wie macht man Urlaub? Wo kauft man seine Lebensmittel ein? Trägt man Yogahosen oder Tarnfarbenshorts? Tatsächlich signalisieren sich Konservative zum Beispiel mit dem Tragen von Militärkleidung gegenseitig ihre politische Haltung. Die gesamte Alltagsgestaltung ist mittlerweile Teil einer politischen Identität. Im Grunde genommen ist Politik also überall.

ZEIT ONLINE: Man streitet sich also mehr um Identitäten als um Politik.

Talisse: Politik ist heutzutage ausschließlich Identitätspolitik und Ausdruck eines Lebensstils. Die eigene soziale Identität steht immer im Mittelpunkt – und keine konkreten Sachfragen. Das verdeckt leider, dass wir US-Amerikaner – selbst bei kontroversen Themen wie Schwulenrechten oder Abtreibung – in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich näher aneinander gerückt sind.