Bolivien - Ausschreitungen nach Präsidentschaftswahl Die Wiederwahl von Präsident Evo Morales hat in Bolivien teils gewaltsame Proteste ausgelöst. Die Opposition spricht von Wahlbetrug, Beobachter zweifeln das Ergebnis an. © Foto: Juan Karita/dpa

Widersprüchliche Angaben der Wahlbehörden zur Auszählung der Präsidentenwahl in Bolivien haben Proteste der Opposition ausgelöst.Die Wahlkommission gab ein neues vorläufiges Ergebnis nach provisorischer rascher Auszählung von 96 Prozent der Stimmen bekannt: Demnach führt der linke Amtsinhaber Evo Morales mit 46,40 Prozent vor seinem Herausforderer, dem gemäßigt-konservativen Journalisten Carlos Mesa, mit 37,07 Prozent.

Gewählt wäre ein Kandidat, der die absolute Mehrheit erreicht oder mehr als 40 Prozent und zehn Prozentpunkte Vorsprung. Noch am Wahlabend am Sonntag hatte die staatliche Wahlbehörde in Aussicht gestellt, dass keiner der Kandidaten diese Hürde genommen habe.

Nach einem Stopp des Auszählungsprozesses änderte sich allerdings das Szenario. Nach Auszählung von 95,22 Prozent der abgegebenen gültigen Stimmen führte plötzlich Morales mit 46,86 Prozent vor Mesa mit 36,73 Prozent. Ganz knapp hätte Morales damit seinen Vorsprung über die Zehn-Prozenpunkte-Hürde gerettet.

In mehreren Städten des Landes gingen die Menschen auf die Straße und protestierten. Büros der Regierungspartei MAS wurden attackiert, Gebäude der Wahlbehörde gingen in Flammen auf. In der Andenstadt Potosí mussten Staatsangestellte aus dem zweiten Stockwerk eines Gebäudes springen, um sich zu retten. Das südliche Departamento Santa Cruz kündigte einen unbefristeten Generalstreik an. Mesa kündigte an, dass er das neue Wahlergebnis nicht akzeptieren werde.

Der Lateinmerika-Direktor der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, José Miguel Vivanco, sagte, es deute vieles auf Wahlbetrug hin. Die Wahlbeobachter der Organisation Amerikanischer Staaten kritisierten eine Ungleichbehandlung der Kandidaten vor der Wahl und forderten eine Erklärung für eine so "drastische Änderung" bei den Resultaten.

Die katholische Kirche des Landes meldete sich in einer Stellungnahme zu Wort: Die Bischöfe hätten, "zusammen mit vielen Bürgern, Hinweise auf einen Betrug in den übermittelten Daten beobachtet". Es habe zusammen mit der Unterbrechung des Auszählungsprozesses eine Diskrepanz zwischen der Schnellauszählung und den später verkündeten Ergebnissen gegeben.

Den dritten und vierten Platz belegen zwei konservative Bewerber, die zusammen rund 12 Prozent der Stimmen bekamen. Beide erklärten sich bereit, im Falle einer Stichwahl Mesa zu unterstützen.