Erst kam der Erfolg, aber kurz darauf folgte bereits die nächste Niederlage. Zum ersten Mal stimmte das Unterhaus am Dienstagabend für einen Brexit-Deal, noch dazu mit einer ansehnlichen Mehrheit von 30 Stimmen. Damit schaffte Premierminister Boris Johnson, was ihm noch vor wenigen Wochen kaum jemand zugetraut hätte: Er legte einen Austrittsvertrag vor, dem das Parlament zustimmen kann.

Aber bei der entscheidenden Frage, wie lange die Abgeordneten das Brexit-Gesetz überprüfen und debattieren können, verweigerten sie der Regierung die Unterstützung: Johnson wollte kaum mehr als zwei Tage dafür anberaumen, laut seinem Zeitplan hätte die Debatte in der Nacht auf Freitag abgeschlossen sein müssen. Doch das Unterhaus stimmte gegen die entsprechende Vorlage mit einer Mehrheit von 322 gegen 308 Stimmen.

Entscheidend waren die Labourabgeordneten: Viele oppositionelle MPs, deren Wahlkreise mehrheitlich für den Brexit gestimmt hatten, wollten ihren Wählerinnen und Wählern ein Signal senden, dass sie den EU-Austritt grundsätzlich umsetzen wollen. Deshalb stimmten sie dafür, dass Johnsons Brexit-Gesetz die erste parlamentarische Hürde nehmen soll. Aber den Plänen der Regierung, die entsprechende Gesetzgebung in Rekordzeit durchzupauken, folgten sie nicht.

Pause trotz Wunsch nach schnellem Brexit

So endeten die Abstimmungen mit einem symbolischen Sieg für Johnson, aber vor allem mit einem Problem: Sein gusseisernes Versprechen, den Brexit am 31. Oktober auf jeden Fall umzusetzen, wird er jetzt nicht mehr einhalten können. Der Premierminister sagte im Anschluss an die Abstimmungen, er werde erst einmal abwarten, wie die EU reagiert, bevor er eine Entscheidung über das weitere Vorgehen treffe. Das Brexit-Gesetz soll vorerst "pausiert werden" – eigentlich ein merkwürdiger Schritt, wo es ihm doch daran liegt, so schnell wie möglich aus der EU auszutreten.

Der Premierminister befindet sich in einer kniffligen Situation, denn die gewonnene Abstimmung stellt lediglich die erste Hürde im parlamentarischen Prozess dar. Wenn die Vorlage erneut diskutiert wird, können die Abgeordneten Änderungsanträge einbringen, die den Inhalt stark abändern. So könnte die Opposition beispielsweise eine Zollunion hinzufügen, oder ein zweites Referendum. Das Brexit-Gesetz könnte also so angepasst werden, dass die Regierung auf keinen Fall dafür stimmen würde – und dann wäre alles wieder im Eimer.

Mit einem Auge schielt Johnson jedoch stets auf die vorgezogene Neuwahl, die sich immer deutlicher abzeichnet. Seine Drohung, dass er im Fall einer Ablehnung seines Zeitplans unverzüglich eine Auflösung des Parlaments anstreben werde, machte er am Dienstagabend zwar nicht wahr, aber früher oder später wird die Neuwahl kommen – mit einer Minderheitsregierung bleibt Johnson gar nichts anderes übrig. Und in dem Fall können sich seine wiederholten parlamentarischen Niederlagen als Vorteil herausstellen.

Gute Umfragewerte für die Tories

Jedes Mal, wenn das Unterhaus dem Populisten Steine in den Brexit-Pfad legt, freuen sich die EU-Anhänger, denn sie sehen sich einen Schritt näher am ultimativen Ziel, den Brexit zu verhindern. Aber für die andere Seite der leavers ist die Optik eine ganz andere.

Für Johnsons Anhänger bestätigt sich, dass der Premierminister genau der Mann ist, den sie brauchen: ein Brexit-Kämpfer, der nichts unversucht lässt, um den EU-Austritt zum 31. Oktober durchzudrücken. Sein Deal stößt bei leavers auf weit mehr Zustimmung als Theresa Mays Brexit-Plan. Auch eine kurze Verschiebung des Austrittstermins würde wohl seine Beliebtheit bei leavers nur geringfügig schmälern.

Wie der Politologe Matthew Goodwin schreibt, hat die sture Brexit-Politik des Premierministers einen guten Teil dazu beigetragen, dass die Umfragewerte der Tories unter Johnson deutlich nach oben geklettert sind. Derzeit liegen die Konservativen rund zehn Prozentpunkte vor Labour. "Je mehr [die EU-Anhänger] Johnson behindern, desto besser stehen die Chancen, dass seine Regierungszeit von einer kleinen Fußnote zu einem größeren Kapitel in der britischen Nachkriegsgeschichte transformiert wird", schreibt Goodwin.

Johnsons Strategie zielt nur auf einen Teil der Bevölkerung

Das mag übertrieben sein. Die Umfragen sind derzeit notorisch unzuverlässig und wenn die Abstimmungskampagnen erst einmal beginnen, sind größere Verschiebungen möglich – das hat die Wahl von 2017 gezeigt. Aber es stimmt, dass Johnsons Demütigungen in Westminster die Entschlossenheit vieler Brexit-Fans stärken. Und auf die hat es Johnson abgesehen.

Zwar spricht er viel von Versöhnung, von der Notwendigkeit, die EU-Debatte endlich hinter sich zu lassen und die gesellschaftlichen Gräben im Land zu überwinden. Aber seine Brexit-Strategie zielt nur auf die Leute auf der einen Seite dieser Kluft ab.

Auf der anderen Seite stehen jene, die einem Johnson-Brexit mit tiefer Beunruhigung entgegenblicken – gerade auch Leute mit niedrigen Einkommen, die sich vor einer Aufweichung der Arbeitnehmerrechte fürchten, die mit seinem Deal möglich wäre. Am Wochenende, als EU-Anhänger zu Hunderttausenden durch London marschierten, zeigte sich erneut, wie groß die proeuropäische Bewegung mittlerweile geworden ist.

Kaum ein politischer Ansatz wäre schlechter geeignet, den Gegensatz zwischen diesen zwei Gruppen zu überwinden, als Johnsons Brexit-Politik.