Zwei große Illusionen haben aus dem Brexit-Drama eine Farce gemacht: der Wunsch nach einem vermeintlich vorteilhafteren Deal und die Hoffnung, Großbritannien könne doch noch in der EU verbleiben. An diesem Samstag, wenn das britische Parlament erneut abstimmt, wird es Zeit, die Illusionen zu begraben. Ein anderes Austrittsabkommen als jenes, das Boris Johnson nun mit den Staats- und Regierungschefs der EU verabredet hat, wird es nicht mehr geben. Und jeder weitere Versuch, den Brexit noch aufzuhalten, etwa mit einem zweiten Referendum, wird zu noch größeren Verwerfungen führen.

Mag sein, dass sich der Austritt Großbritanniens aus der EU als ein historischer Irrtum erweist. Aber nur wenn die Briten jetzt gehen, geregelt und ohne weiteren Verzug, besteht eine Chance, auch künftig vernünftig miteinander umzugehen. Und nur dann bliebe die Möglichkeit gewahrt, diesen Irrtum vielleicht eines Tages zu korrigieren.

Johnson, Macron und Merkel haben ein Ziel

Im vergangenen Winter, als Johnsons Vorgängerin Theresa May ihren Deal im Unterhaus zur Abstimmung stellte, scheiterte sie dreimal an einer unmöglichen Allianz aus Erz-Brexiteers und passionierten remainern. Ohne Stimmen aus deren Reihen kann auch Johnson heute nicht gewinnen. Während die Hardliner vom rechten Flügel der konservativen Partei signalisiert haben, dass sie diesmal zustimmen könnten, schalten die EU-Freunde im britischen Parlament auf stur. Damit schaden sie nicht nur ihrem eigenen Land. Sie tun auch der EU keinen Gefallen.

Die meisten der 242 sozialdemokratischen Abgeordneten, alle 19 Liberalen und die 35 schottischen Nationalisten haben angekündigt, Johnsons Deal abzulehnen. Manche tun es aus Kalkül wie Labour-Chef Jeremy Corbyn, der immer noch hofft, selbst an die Stelle Johnsons zu treten und Premierminister werden zu können. Andere Abgeordnete folgen ihrer Überzeugung, dass Großbritannien um jeden Preis in der EU bleiben müsse. Lange Zeit wähnten sie die anderen Europäer dabei heimlich an ihrer Seite. Aber spätestens seit dieser Woche kämpfen Boris Johnson, Angela Merkel und Emmanuel Macron für dasselbe Ziel: eine vernünftige Trennung.

Dreieinhalb Jahre sind seit dem britischen Referendum vergangen. Diese Zeit lässt sich nicht einfach ungeschehen machen. In Großbritannien haben sich die gesellschaftlichen Fronten verhärtet; die Gräben zwischen den Wählerinnen und Wählern, die 2016 für leave gestimmt haben, und denen, die für remain waren, sind seitdem nicht kleiner geworden, sondern größer.

Die EU hat bei den Verhandlungen vieles richtig gemacht

Ob es einem gefällt oder nicht, dabei haben die Anhängerinnen und Anhänger des Brexits das entscheidende Argument auf ihrer Seite: Eine Mehrheit der Briten – 51,9 Prozent – hat dafür gestimmt, die EU zu verlassen. Die Unfähigkeit des britischen Parlaments, dieses Ergebnis bis heute umzusetzen, hat dem Parlamentarismus in Großbritannien selbst schwer geschadet.

All diese Wunden würde ein zweites Referendum nicht heilen, im Gegenteil. Die Umfragen deuten darauf hin, dass das Ergebnis abermals knapp ausfallen würde. Hätten dieses Mal die remainer die Nase vorn – und nur die remainer wollen ja ein zweites Referendum –, drohte erst recht eine politische Radikalisierung.

Auch der Europäischen Union wäre nicht geholfen mit einem Land, das in der zentralen Frage der Mitgliedschaft selbst derart polarisiert ist. Seit seinem Beitritt 1973 gehört Großbritannien zu den bremsenden, nicht zu den treibenden Kräften in der Union. Bliebe es nun, obwohl eine Mehrheit der Briten schon einmal für den Austritt votiert hatte, müsste jede britische Regierung in Brüssel erst recht ihre Widerstandsfähigkeit beweisen. Schon jetzt drohen die Hardliner in London damit, den nächsten EU-Haushalt zu blockieren, falls sie gezwungen wären, noch ein paar Monate länger in der EU zu bleiben. Und schon jetzt hat sich die EU daran gewöhnt, ihre wesentlichen Entscheidungen ohne die britische Regierung zu treffen.

Die Europäische Union hat in den Verhandlungen mit Großbritannien vieles richtig gemacht. Sie hat gemeinsam ihre Interessen vertreten und dabei Geduld und Flexibilität bewiesen. Nun ist es an den britischen Abgeordneten, das Richtige zu tun: Sie sollten für das Austrittsabkommen stimmen und die EU verlassen.