Ohne Menschen wie Moodi würden Leser und Fernsehzuschauerinnen in Deutschland wenig von den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt mitbekommen. Moodi, der mit richtigem Namen Ahmed Alamine hieß, war mein Stringer in Libyen. Stringer – das sind die Mitarbeiter vor Ort, die uns Auslandsreporter nach der Ankunft in einem Krisengebiet aus einem chaotischen Flughafen lotsen, die Sicherheitslage ausloten, Kontakte verschaffen, uns aus brenzligen Situationen herausholen – oder am besten gar nicht hineinlaufen lassen.

Natürlich gibt es wie in jeder Branche Leute, die man besser meidet. Aber im besten Fall sind Stringer begnadete Multitasker: Türöffner, Frühwarnsystem, Dolmetscher, Fahrer und Stadtführer in einer Person. Also die guten Geister hinter unseren Geschichten, deren Namen meist nie erwähnt werden. Moodi war so einer. 

Ich bin vor über anderthalb Jahren aus dem Nahen Osten nach Deutschland zurückgekehrt. Libyen ist eines der Länder aus meinem Berichtsgebiet, das ich immer noch nicht hinter mir gelassen habe. Das lag vor allem an Moodi. "Es wird Zeit, dass Du mal wieder nach herkommst", schrieb er vor ein paar Wochen. "Es gibt so viele Stories hier."

Moodi wollte kämpfen

Am Montag kam die Nachricht, dass er an der Front in Ain Zara bei Tripolis ums Leben gekommen ist.

Der Krieg in Libyen ist derzeit vom Radar der internationalen Medien verschwunden, aber er geht unvermindert weiter. Auch an den Rändern der Hauptstadt. Es ist vor allem ein Krieg um Pfründe und Egos, weniger um Ideologie oder Religion. Auf der einen Seite steht ein Rebellengeneral namens Chalifa Haftar mit Alleinherrscheranspruch und einer Söldnertruppe, der inzwischen diverse Kriegsverbrechen vorgeworfen werden. Auf der anderen Seite eine international anerkannte, aber dysfunktionale Regierung, gestützt von mafiösen Milizen. 

Seit Haftar im vergangenen April Friedensverhandlungen durch seinen Marsch auf Tripolis torpediert hat, wird nicht mehr geredet, sondern nur noch geschossen. Die EU hält sich heraus, solange nicht zu viele Migranten über das Mittelmeer kommen, die UN warnten vor einigen Wochen vor einem landesweiten Bürgerkrieg, Experten vor einem zweiten Syrien.

Stringer sind meist ungeschützt

Stringer in Kriegsgebieten sind häufig einheimische Journalisten, oft auch ehemalige Kombattanten, manchmal gewitzte Quereinsteigerinnen, die gut vernetzt sind. Moodi war alles drei. Als der Aufstand gegen Gaddafi 2011 begann, war er 19 und nahm ein Schnellfeuergewehr in die Hand – nicht, weil er kämpfen musste, sondern weil er kämpfen wollte, wie er mir erklärte. Seine Heimatstadt Misrata, Libyens Handelszentrum an der Mittelmeerküste, wurde von Gaddafis Truppen heftig bombardiert.

Aber Moodi war weniger ein geborener Soldat als ein geborener Händler und Organisator, wie es sich für einen gebürtigen Misrati gehört. Dieses Talent kam ihm zugute, als das Chaos nach Gaddafis Sturz immer wieder ausländische Journalisten anlockte, die Informationen und Kontakte brauchten. Im Juli 2016 auch den tschechischen Fotografen Stanislav Krupař und mich. Zu diesem Zeitpunkt kämpften die Milizen aus Misrata gerade gegen den IS, der sich in einigen Städten Libyens festgesetzt hatte. Moodi wurde unser Stringer.

Junge Stringer in Kriegsgebieten – meistens sind es Männer – legen oft einen unerschütterlichen Glauben an die eigene Unverwundbarkeit an den Tag. Es ist eine Mischung aus Draufgängertum, Betäubung der eigenen Angst und dem Bedürfnis, ihren Arbeitgebern, also uns ausländischen Reportern, zu imponieren. Ich habe Kollegen erlebt, die das schamlos ausgenutzt haben und sich von ihren Stringern an die Front führen ließen – selbst ausgerüstet mit Schutzweste, Helm und Risikoversicherung, während ihre einheimischen Helfer nichts dergleichen hatten.