Carrie Lam, die Regierungschefin Hongkongs, will bei einer Eskalation der Proteste das chinesische Militär um Hilfe bitten. Sie sei noch immer der Ansicht, "dass wir eine Lösung selbst finden sollten", sagte sie. "Doch wenn die Situation schlimmer wird, kann keine Option ausgeschlossen werden, wenn wir Hongkong eine weitere Chance geben wollen", sagte Lam.

Hongkongs Regierungschefin konkretisierte nicht, ab wann eine Eskalationsstufe erreicht wäre, die für sie ein Eingreifen des chinesischen Militärs rechtfertigen würde. Zu diesem Zeitpunkt habe sie aber noch das starke Gefühl, "dass wir die Lösungen selbst finden werden." Dies sei auch die Position der chinesischen Zentralregierung.

Nach geltendem Recht darf die Regierung in Peking nur eingreifen, wenn Hongkong sie um Hilfe bittet. Mehr als 10.000 Soldaten der Volksbefreiungsarmee sind seit der Rückgabe der britischen Kolonie in Hongkong stationiert. Nach unbestätigten Berichten soll die Truppenstärke angesichts der Proteste unter dem Vorwand einer Rotation heimlich aufgestockt worden sein.

Lam geht von Beeinträchtigung der Wirtschaft aus

Lam sagte, sie rechne wegen der seit vier Monaten anhaltenden Proteste mit negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft. Die Konjunkturdaten für das dritte Quartal würden "sicherlich sehr schlecht" ausfallen. Die Zahl der Touristen sei stark zurückgegangen, Handel, Hotels und Gastronomie seien schwer belastet. Etwa 600.000 Beschäftigte in dem Bereich seien davon betroffen, sagte Lam.

Im Verlauf der Proteste am vergangenen Wochenende wurden Geschäfte und Bankfilialen verwüstet. Viele Restaurants und Einkaufszentren blieben geschlossen, die Polizei setzte Tränengas ein. Die Hongkonger U-Bahn, die normalerweise etwa fünf Millionen Fahrgäste pro Tag transportiert, hat ihren Betrieb eingeschränkt. Etliche Stationen blieben geschlossen und würden instand gesetzt werden, teilte der Betreiber MTR mit.

Am Freitag hatte Hongkongs Regierung zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert auf ein Notstandsgesetz aus der britischen Kolonialzeit zurückgegriffen und das Tragen von Masken verboten. Nach der Verkündung kam es zu den eben erwähnten Protesten. Regierungschefin Lam, der die Bevölkerung zu große Nähe zur Führung in Peking vorwirft, sagte, sie werde das Notstandsgesetz aus der Kolonialzeit nicht erneut nutzen, um neue Bestimmungen zu erlassen.

Die Kundgebungen hatten im Juni begonnen, damals aus Protest gegen  einen Gesetzentwurf für Auslieferungen Beschuldigter an die Volksrepublik China, der mittlerweile zurückgezogen wurde. Doch die Demonstrierenden sehen auch allgemeine Freiheiten gefährdet, die die ehemalige britische Kolonie genießt. Inzwischen richten sich die Proteste auch gegen die Regierung in Peking. Die frühere britische Kronkolonie Hongkong ist seit 1997 eine Sonderverwaltungszone der Volksrepublik.