Am Dienstag der vergangenen Woche sah man sie beide zusammen in New York, am Rande der UN-Generalversammlung: den US-amerikanischen Präsidenten und den britischen Premierminister. Zwei Populisten, die plötzlich etwas bleich aussahen. Es war der Tag, an dem bei Donald Trump und Boris Johnson daheim in den Hauptstädten der Blitz einschlug.

In London hatte um 10.30 Uhr Baroness Brenda Hale das Urteil des Obersten Gerichtshofes verlesen. Die von Boris Johnson erwirkte Zwangspause für das Parlament, verkündete sie, sei "rechtswidrig, nichtig und unwirksam". Um 17 Uhr trat in Washington Nancy Pelosi, die Sprecherin des Repräsentantenhauses, vor die Presse und gab bekannt, gegen Donald Trump ein Amtsenthebungsverfahren eröffnen zu wollen. Sein Amt kann ein amerikanischer Präsident verlieren, wenn ihm "Verrat, Bestechung oder andere schwere Verbrechen und Vergehen" nachgewiesen werden.

Im Rückblick könnte dies der Tag gewesen sein, an dem die Welle des Rechtspopulismus brach. An dem sich zeigte, dass die Institutionen der Demokratie stark genug sind, um sich der Anmaßung und dem Machtmissbrauch entgegenzustellen. Um die Integrität des Rechtsstaats und die ordnungsgemäßen politischen Verfahren vor Willkür zu schützen.

Donald Trump - "Impeachment … deswegen?" Die Ukraine-Affäre könnte den US-Präsidenten das Amt kosten. Oder? Wie es zu dem Skandal kam und wie das Amtsenthebungsverfahren ablaufen würde, erklärt Rieke Havertz im Video.

Merkwürdig hilflose Demokratien

Seit drei Jahren, seit Brexit-Referendum und Trump-Wahl, hat sich der Zweifel eingenistet: Sollten ausgerechnet die alten, bewunderungswürdigen angelsächsischen Demokratien unter die populistischen Räuber fallen? Merkwürdig hilflos reagierten sie auf die Demagogie der neuen Volkstribune, auf ihre haltlosen Versprechen und offenkundigen Lügen. Irgendwann, dachte man, müsse doch der Punkt kommen, wo es den Bürgerinnen und Bürgern, den Amtsträgerinnen und Volksvertretern reicht. Wo sie die eine Regelverletzung, die eine Lüge zu viel nicht mehr hinnehmen. Am Dienstag der vorigen Woche schien dieser Punkt gekommen zu sein.

Vor allzu schneller Euphorie jedoch sollte man sich hüten. Präsident und Premier zeigen sich kampfbereit. "Spionage!", wettert Trump und möchte sich den Whistleblower der Ukraine-Affäre am liebsten persönlich vorknöpfen. "Sabotage!", ruft Johnson und sieht in der Opposition nur Feiglinge, die vor der EU kapitulieren. So sehr eskaliert in Großbritannien der Krieg der Worte, dass nun schon die Bischöfe der Church of England die Politiker mahnen, ihre Sprache zu zügeln.

Bedrohliche Debatte

Klänge es nicht so altbacken, man würde sich wünschen, Anstand und Sitte kehrten in die politische Auseinandersetzung zurück. Die Debatte in Großbritannien und in den Vereinigten Staaten hat etwas Wildes, ja Bedrohliches bekommen. An die Stelle von Witz und Esprit sind Wut und Vulgarität getreten.

Aber Stilfragen sind das Letzte, was Trump und Johnson interessiert. Als selbst ernannte Kämpfer gegen die Eliten wenden sie sich nun umso leidenschaftlicher an das Volk. Und es kann durchaus sein, dass die Wählerinnen und Wähler zu einem anderen Urteil kommen als Parlamente und Gerichte.

"Demokratischen Populismus wird man nur schwer wieder los", seufzt Rainer Hank in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. "Während die Eliten seit Jahren analysieren, warum der Populismus schädlich ist, zeigt sich das Volk von den Argumenten der Elitenintelligenz unbeeindruckt und bleibt loyal zu den populistischen Führern, die durch sie an die Macht gekommen sind."

Hanks Schlussfolgerung, die Demokratie biete "keinen Schutz gegen den Populismus", muss man jedoch nicht teilen. Es mag ja ein wenig Wunschdenken dabei sein, wenn man die Widerstandskraft der demokratischen Institutionen in London und Washington mit Erleichterung registriert. Aber die Erfahrung zeigt auch, dass populistische Regierungen nicht von Dauer sind, weil sie allzu oft mit leeren Händen vor die Wähler treten.

Ein paar ermutigende Entwicklungen jedenfalls lassen sich registrieren. In Italien haben moderate Kräfte im Parlament den Gift und Galle spuckenden Matteo Salvini ausmanövriert. In Österreich haben die Bürger bei den Parlamentswahlen die Strache-FPÖ abgestraft. In Großbritannien hat der Supreme Court den irrlichternden Boris Johnson in die Schranken gewiesen. Und in den USA ruft die Opposition dem Präsidenten zu: Genug ist genug. Sage niemand, gegen den Populismus sei kein Kraut gewachsen.