Wer von Europa aus auf London schaut, bekommt schnell das Gefühl, dass die Regierung dort die Kontrolle verloren habe. Einem Mann sagt man allerdings nach, dass er hinter dem ganzen Wahnsinn stecken und ihn bewusst inszeniert haben könnte. Das ist Dominic Cummings, der Chefberater von Boris Johnson.

Cummings gilt als verantwortlich für den Versuch, das widerspenstige Unterhaus für fünf Wochen zu suspendieren; die anschließende Auseinandersetzung der Regierung mit dem Obersten Gericht; den Ausschluss von 21 Abgeordneten aus der konservativen Fraktion; die Ankündigung, dass Großbritannien die EU am 31. Oktober notfalls ohne Deal verlassen werde; die Drohungen gegen die Europäer, kommuniziert durch anonyme Mitteilungen aus dem Sitz des Premierministers in der Downing Street. 

Seine Kritiker halten ihn für eine Art Stephen Bannon von Großbritannien, sie sehen in seiner Arbeit einen Angriff auf die Demokratie. Andere erkennen darin das Werk eines Genies, das weiß, wie man große Ideen in die Realität umsetzt. "Wenn Dom nicht wäre, wären wir beim Brexit heute nie so weit, wie wir es jetzt sind", sagt ein Insider aus Vote Leave, der Referendumskampagne für den Austritt aus der EU, der sowohl Cummings als auch Boris Johnson gut kennt. "Boris ist sehr unentschieden, ihm geht es vor allem darum, beliebt zu sein. Dom hingegen ist egal, was andere von ihm denken. Ohne ihn wäre Boris längst eingeknickt."

Die Cummings-Legende beginnt mit seinem Auftreten

Um den Brexit zu verstehen, muss man also versuchen, Dominic Cummings zu verstehen. Ist er ein Zyniker der Macht? Verrückt? Ein Visionär? Was treibt ihn an, was will er erreichen?

Cummings gibt keine Interviews, auch auf eine Bitte um einen Kommentar hat er nicht reagiert. Die ZEIT konnte aber mit mehreren Personen sprechen, die mit ihm zusammengearbeitet haben oder ihn auf andere Weise kennen. Die meisten haben darum gebeten, anonym zu bleiben, um frei reden zu können.

Die Cummings-Legende beginnt mit seinem Auftreten, denn darin steckt eine Botschaft. Als Regierungsberater, der selbst kein gewählter Politiker ist, sollte er eigentlich ein Mann im Schatten sein. Stattdessen zirkulieren überall Fotos und Videos von ihm. Stets ist er in nachlässiger Kleidung, aber an öffentlichkeitswirksamen Orten zu sehen: im T-Shirt in Downing Street No. 10, in grauer Trainingsjacke auf dem Tory-Parteitag in Manchester, mit Schlabberjacke im Portcullis House, wo die Abgeordneten ihre Büros haben. Dort hat ihm ein Labour-Mann einmal entgegengebrüllt, dass er die britische Politik derart vergiftet habe, dass er nun Morddrohungen bekomme. "Ich weiß nicht, wer Sie sind", antwortete Cummings, an eine Säule gelehnt.

Cummings' Kleidung wird oft diskutiert; sie ist mehr als ein Verstoß gegen den allgemeinen Dresscode. Sie ist ein Protestplakat, das er jedes Mal an den Anzugträgern von Westminster vorbeiträgt. Ein Ausdruck der Verachtung, die einer der mächtigsten Männer des politischen Betriebs gegenüber ebenjenem Betrieb empfindet. "Es ist schon ein deprimierendes Spektakel, wie die Politiker herumeiern, ohne Prioritäten oder klare Ideen zu haben, was sie erreichen wollen – außer ihrem Ziel, den Medien mit billigen Tricks einen Schritt voraus zu bleiben und auf die Opposition einzuhämmern", hat er auf seinem Blog geschrieben, der seit seiner Berufung Ende Juni ruht.