Als Donald Trump am 9. Oktober an den türkischen Präsidenten schrieb, schloss er den etwas bizarren Brief mit einem guten Rat für Recep Tayyip Erdoğan: "Geben Sie nicht den harten Kerl. Seien Sie kein Narr!" Der US-Präsident meinte den Einmarsch in Nordsyrien: "Sie wollen nicht verantwortlich sein für das Abschlachten Tausender Menschen." Die Geschichte werde "wohlwollend auf Sie schauen, wenn Sie das hier auf die richtige und humane Art hinbekommen". Wenn es nicht gut ausgehe, werde man Erdoğan für immer als "den Teufel" ansehen. Trump regt Verhandlungen mit den Kurden an. Er droht andernfalls mit der "Zerstörung der türkischen Wirtschaft".

Das nun veröffentlichte Schreiben scheint Trump zu entlasten, liest es sich doch nicht so, als habe er der Türkei mit dem Abzug der eigenen Soldaten freie Hand für die Offensive gegeben – und damit die einst verbündeten Kurden verraten und einem absehbaren Massaker preisgegeben. So jedenfalls würde es der US-Präsident selbst gern interpretiert sehen. Aber das kann ihm eigentlich niemand mehr abkaufen, den Brief schickte er ohnehin erst, als es bereits zu spät war. In Ankara landete er angeblich flugs im Papierkorb.

Seit Tagen verteidigt Trump seine Entscheidung zum Rückzug der US-Truppen in Syrien. Ein verzweifeltes Unterfangen, das den Präsidenten von seiner schwächsten Seite zeigt. Nicht einmal die Republikaner bringen es übers Herz, ihn in Schutz zu nehmen. Selbst die skrupellosesten Unterstützer vom Schlage eines Lindsey Graham fallen vom Glauben ab: "Er begeht den schwersten Fehler seiner Präsidentschaft", sagte der republikanische Senator am Mittwoch. Die Ablehnung erreicht ein überparteiliches Ausmaß, das in Washington nur schwer vorstellbar war: In dieser Frage geht kein Riss durch den Kongress. Experten, Militärs, internationale Partner – alle schwanken zwischen Scham und Wut.

Erdoğan hat Trump durchschaut

Trump hat das womöglich verstanden, ist aber offensichtlich nicht in der Lage, seinen Fehler auszubügeln. Er versucht augenscheinlich, die Kontrolle zurückzugewinnen, schickte Vizepräsident Mike Pence und Außenminister Mike Pompeo nach Ankara, um auf eine Waffenruhe zu drängen. Also gleichsam nachträglich die Position durchzusetzen, die bereits der Brief an Erdoğan dokumentieren soll: Keine Offensive, sonst hagelt es Sanktionen.

Nur um ein paar Stunden später zu sagen: "Wenn die Türkei nach Syrien reingeht, ist das eine Sache zwischen der Türkei und Syrien. Es ist nicht unser Problem." So schwer diese Ignoranz zu verkraften ist, sie ist ungleich überzeugender als jede Behauptung des Präsidenten, sein Agieren in der Region sei "strategisch brillant". Und die diplomatische Mission in Ankara war damit von vornherein zum Scheitern verurteilt: Erdoğan hat Trump durchschaut und weiß, dass es ihm egal ist, was in Syrien passiert.

Die Widersprüche, in die sich Trump in seiner Syrien-Krise verstrickt, sind himmelschreiend. Was er in diesen Tagen von sich gibt, ist dabei mehr als nachlässiges Geplapper von einem, der keine Ahnung hat, wovon er überhaupt spricht (obwohl auch das stimmt). Eine unvollständige Auswahl, nur vom Mittwoch: Die Kurden in Nordsyrien seien "jetzt viel sicherer" (sind sie nicht); die Kurden seien ja auch "keine Engel" (ja und?); der türkische Einmarsch in Syrien "hat mit uns nichts zu tun" (hat er doch); die US-Soldaten seien nicht in Gefahr (das Pentagon geht vom Gegenteil aus) und würden "nach Hause" kommen (sie bleiben in der Region); "Syrien wird wahrscheinlich Russland als Partner haben … Ich wünsche ihnen viel Glück" (immerhin ehrlich).