Jetzt hat er ihn endlich, seinen Deal. Nur kurz berieten die Staats- und Regierungschef auf ihrem Gipfel in Brüssel über das, was Boris Johnson zuvor mit der EU verhandelt hatte. Einstimmig haben die verbliebenen 27 EU-Staaten das neue Abkommen zum Brexit angenommen. Der britische Premierminister feierte es als seinen Erfolg, dass zentrale Teile neu verhandelt wurden. Aber die Freude könnte von kurzer Dauer sein, weil auch diesem Kompromiss ein nahezu unauflöslicher Konflikt innewohnt.

Nur Stunden vor dem Zusammentreffen in Brüssel hieß es, dass eine Einigung noch nicht erreicht sei. Das Problem war und ist nach wie vor die Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland. Um diese Frage drehten sich seit Wochen die Gespräche zwischen Johnsons Team und den Brüsseler Unterhändlern. Mit der neuen Lösung, einer Zollgrenze in der Irischen See, haben jedoch jene ein Problem, die davon am meisten betroffen sind: die Nordiren. Die nordirische DUP, auf die Johnson im Unterhaus angewiesen ist, hat bereits verkündet, dass sie dem Deal nicht zustimmen wird. Schon am Samstag soll im Londoner Unterhaus darüber entschieden werden.

Auch wegen dieser Haltung der DUP sprach aus Bundeskanzlerin Angela Merkel am Morgen vor Beginn des Gipfels ganz die Physikerin. Die Verhandlungen um den EU-Austritt Großbritanniens glichen "der Quadratur des Kreises", sagte Merkel. Es ist ungemein schwierig, für die Situation in Nordirland eine für alle Seiten zufriedenstellende Lösung zu finden. Johnsons Vorgängerin Theresa May hatte das zusammen mit der EU durch die Backstop-Lösung versucht. Diese Notlösung ließ jedoch die Brexit-Hardliner fürchten, sie blieben dauerhaft viel zu eng an die EU gefesselt. Nun versucht Johnson, die Zollgrenze in die Irische See zu verlegen. Das lässt wiederum die nordirische DUP argwöhnen, Nordirland werde faktisch vom restlichen Königreich abgetrennt.

Die Kanzlerin jedenfalls versuchte zum Ende der Beratungen in Brüssel, die Vorteile des neuen Abkommens hervorzuheben. Es gebe einen wichtigen Unterschied zum Deal, den May verhandelt habe. Nun sei "sehr viel klarer, wie man in Zukunft die Beziehungen sehen" wolle, sagte Merkel. Es sei festgelegt, dass Großbritannien nach dem 31. Oktober nicht Mitglied in der Zollunion bleiben werde. Das erleichtere die künftigen Verhandlungen über ein neues Freihandelsabkommen erheblich. So viel Lob und Zustimmung aus Brüssel für die Arbeit von Boris Johnson war man bisher nicht gewohnt.

Es ist nun schon die zweite britische Regierung, die sich abmüht, eine mehrheitsfähige Formel für den Brexit zu finden. Der amtierende britische Premierminister, der ohnehin über keine eigene Mehrheit im Parlament verfügt, hat nun entschieden, das Problem einfach zu ignorieren. Er will mit dem Kopf durch die Wand. Aber was soll das bringen?

Er hat es doch versucht

Auf ihrer gemeinsamen Pressekonferenz nach Abschluss der Verhandlungen bekräftigten Johnson und der scheidende EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker einhellig, dass keiner von beiden eine weitere Verschiebung des Brexits über den 31. Oktober hinaus für notwendig halte. Es sieht danach aus, als wolle nun auch die EU den Druck auf die Parlamentarier in London erhöhen, einem Abkommen endlich zuzustimmen. Diese aber haben schon mehrmals eindrücklich demonstriert, dass sie solche Drohungen wenig interessieren.

Hinzu kommt, dass sich keiner der Regierungschefs dem Diktum Junckers anschließen wollte. Man werde dem britischen Parlament keinesfalls in seine Entscheidung hineinreden, sagte auch die Bundeskanzlerin. Sollte der neue Deal also am Samstag nicht durch das Unterhaus gehen, dürfte die EU sich kaum verweigern, falls es erneut die Forderung nach einer Verschiebung des Austrittsdatums gibt.

Viele halten es jetzt für wahrscheinlich, dass der britische Premierminister eine Niederlage im Parlament in Kauf nimmt, um dann zu behaupten, er habe alles versucht. Es stimmt auch, dass Johnson in den erneuten Verhandlungen der EU weit entgegengekommen ist. Eine mangelnde Kompromissbereitschaft kann man ihm im Moment nicht vorwerfen. Nur was folgt daraus?

Bleibt es beim Patt im Parlament und wird der neue Deal tatsächlich abgelehnt, sind viele Szenarien möglich. Die Parlamentarier könnten Johnson doch zu einer Verlängerung des Brexits über den 31. Oktober hinaus zwingen, was er immer abgelehnt hat. Sie könnten dann auch eine Neuwahl durchsetzen, bei der Johnson wiederum gute Chancen auf eine Wiederwahl hätte, wenn es nach den bisherigen Umfragen geht. Auch ein zweites Referendum wäre weiterhin möglich. Selbst ein chaotischer Austritt ohne Abkommen ist Ende des Monats immer noch nicht ausgeschlossen, wenn alle der vorgenannten Varianten scheitern. Aber vielleicht finden sich am Samstag im britischen Unterhaus ja doch genügend Parlamentarier aus den unterschiedlichsten Fraktionen, die sagen: Das Brexit-Chaos muss ein Ende haben.