Als sich vor ein paar Wochen die Feuer immer tiefer in die Chiquitanía, den bolivianischen Trockenwald, fraßen, war Evo Morales zur Stelle. In weißem Hemd und Anzughose schlug der Präsident mit einem Spaten auf die Flammen ein. Helm und Schutzanzug, wie sie die Feuerwehrleute trugen, schien er für seine Löscharbeiten nicht nötig zu haben.

Offiziell hatte Evo Morales seinen Wahlkampf ausgesetzt und war in das Waldbrandgebiet im Osten des Landes gereist, um sich "um die Chiquitanía zu kümmern", wie er sagt. Tatsächlich ist auch das Teil der Kampagne. Seine von zahlreichen Fernsehkameras dokumentierten Löschversuche sollen eine klare Botschaft vermitteln: Auf Evo Morales wäre Verlass – auch in einer vierten Amtszeit.

Diese würde der Sozialist im Januar beginnen, wenn an diesem Sonntag eine Mehrheit der 7,3 Millionen wahlberechtigten Bolivianerinnen und Bolivianer für ihn stimmt. Im ersten Wahlgang braucht Morales laut bolivianischem Wahlgesetz entweder 50 Prozent der Stimmen. Oder einen Stimmanteil von 40 Prozent, wenn der Vorsprung auf den Zweitplatzierten mindestens zehn Prozentpunkte beträgt. Laut Wahlumfragen könnte es reichen: Evo Morales steht darin bei über 40 Prozent – mit dem nötigen Abstand vor seinem aussichtsreichsten Herausforderer Carlos Mesa.

Der Rückhalt für Evo Morales von der linken "Bewegung zum Sozialismus" (MAS) ist nach wie vor groß, obwohl er gegen den Mehrheitswillen der Bolivianerinnen und Bolivianer die Verfassung ändern ließ, um erneut zu kandidieren. Vor allem im andinen Hochland, wo er selbst geboren ist, hat der Präsident viele Befürworter.

Zwischen Juli und Oktober verbrannten fünf Millionen Hektar Wald

Morales gehört dem Volk der Aymara an, einer der größten Bevölkerungsgruppen in Bolivien. Er ist der erste indigene Präsident, den das Land je hatte. Als solcher betont er seit dem Amtsantritt im Jahr 2006 immer wieder die Bedeutung von madre tierra, Mutter Erde. Auch vor internationalem Publikum: "Wenn wir die Rechte von Mutter Erde nicht garantieren, zerstören wir unser Leben", sagte Evo Morales im Jahr 2017 bei einer UN-Versammlung.

An solchen Aussagen messen die Bolivianerinnen und Bolivianer ihren Präsidenten. Deshalb sind viele Menschen, vor allem in Großstädten und im östlichen Tiefland, wütend. In Santa Cruz de la Sierra, der Hauptstadt des Departements Santa Cruz im Osten, versammelte sich Anfang Oktober mehr als eine Million Menschen auf der Straße. Auch in La Paz, Cochabamba und Tarija protestierten Tausende. Sie finden: Evo Morales ist nicht der Naturschützer, als der er sich darstellt. Einige seiner politischen Entscheidungen haben der Umwelt sehr geschadet.

Die verheerenden Waldbrände sind Ausdruck davon. Die Welt schaute im Sommer nach Brasilien, aber auch in Bolivien wüteten die Feuer. Zwischen Juli und Oktober verbrannten dort fünf Millionen Hektar Wald – eine Fläche so groß wie das Land Costa Rica. Indigene Gemeinden aus dem Tiefland, wo die Brände am heftigsten waren, werfen dem Präsidenten "physischen, ökologischen und kulturellen Genozid" vor. Aber im Hochland der Anden, wo Morales herkommt, sind die Feuer weit weg.

Umweltschützer und Wissenschaftler sehen eine Verbindung zwischen den Waldbränden und Morales' wirtschaftlicher Agenda. "Evo Morales macht seit Jahren eine Politik, die große Agrarkonzerne und den Export landwirtschaftlicher Produkte fördert", sagt zum Beispiel der Biologe Alfredo Romero-Muñoz, der an der Humboldt-Universität zu Berlin lehrt. 

In seinen 13 Jahren Amtszeit ist es Evo Morales gelungen, extreme Armut und Arbeitslosigkeit in seinem Land deutlich zu reduzieren. Gewinne der verstaatlichten Erdöl- und Erdgasindustrie investierte er zu großen Teilen in Sozialprogramme. Seit die Nachfrage für diese Rohstoffe zurückgeht, fördert Evo Morales die Landwirtschaft. Zulasten der Natur, doch das nimmt der Sozialist in Kauf. Sein Beispiel zeigt: Nicht nur ultrarechte Politiker wie Jair Bolsonaro zerstören die Umwelt, um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen.