In manchen Situationen gibt es kein kleineres Übel, und egal, welche Entscheidung man trifft: Die Bredouille ist damit nicht aus der Welt. Österreichs Freiheitliche sind in so einer Situation. Sie haben ihren ehemaligen Parteichef am Dienstagabend mit einer Suspendierung zwar vorerst aus den eigenen Reihen verbannt. Doch erledigt hat sich die Causa Strache noch lange nicht für die Rechtspopulisten, die von ihrem einstigen Superstar mit hinab in die Tiefe gezogen worden sind. 

Seit dem blauen Wahldebakel vom Sonntag, bei dem die FPÖ gleich zehn Prozentpunkte verloren hat, ist man sich in der Parteiführung in der Schuldfrage einig. Der Ex-Chef hat es verbockt – nicht unbedingt wegen seines zweifelhaften, von vermeintlicher Käuflichkeit und fehlendem Demokratieverständnis zeugenden Auftritts auf Ibiza im Sommer vor zwei Jahren, sondern aufgrund seines Verhaltens in den Wochen und Monaten nach der Veröffentlichung des Videomaterials in diesem Frühsommer.

Strache zog sich nicht kleinlaut zurück, er wurde zum unberechenbaren Querschläger für das neue Führungsduo, bestehend aus Parteichef Norbert Hofer und Klubobmann Herbert Kickl. Endgültig untragbar wurde Strache für die Partei aber, als just eine Woche vor den österreichischen Parlamentswahlen jene Affäre um seinen pompösen Lebensstil auf Parteikosten publik wurde, die selbst treue Fans der "Partei der kleinen Leute" nicht mehr kalt ließ. 

Schuldbewusstsein passt freilich nicht zu dem Mann, der 14 Jahre lang die unangefochtene Führungsfigur der österreichischen Rechtspopulisten war und die FPÖ nach ihrem Tiefpunkt – ausgelöst von Jörg Haiders Abspaltung im Jahr 2005 – wieder zur Macht im Staat gemacht hat. Doch die Ansagen der einstigen Verbündeten nach dem Wahldebakel waren deutlich: So viel Verschulden kann nicht ungestraft bleiben, Strache muss aus der Partei ausgeschlossen werden.

Strache, wie man ihn kennt

In der Hoffnung, dem zuvorzukommen, hatte Strache am Dienstag, noch vor der Sitzung des freiheitlichen Parteivorstands, eine Erklärung abgegeben. Die Weinbar in der Wiener Innenstadt, die sich der Protagonist der "besoffenen G‘schicht" auf Ibiza dafür ausgesucht hat, mag als Schauplatz kurios wirken, doch auch das ist Strache, wie man ihn kennt: Er ließ sich von den direkt hinter seinem Kopf platzierten Weinflaschen nicht weiter irritieren. Die Botschaft, die er dann jovial wie eh und je vortrug, richtete sich vor allem an die Partei: Er ziehe sich aus der Politik zurück und werde seine Mitgliedschaft ruhend stellen, bis die Vorwürfe – die freilich falsch seien – aufgeklärt sind. Dass eine Ruhendstellung laut Parteistatuten gar nicht möglich ist: einerlei.

Nur sieben Minuten dauerte die Szene, aber ein gutes Dutzend Male bemühte der verstoßene Sohn in seiner Erklärung die Floskel von "unserer freiheitlichen Familie". Es war seine Art des Flehens, sein Ersuchen an die ehemaligen Parteifreunde, ihn nicht zu verstoßen. Eine Spaltung, das wolle er doch nicht. Und tatsächlich liegt darin ein kluger Schachzug. 

Heinz-Christian Strache sandte ein Warnsignal an seine Partei, weil er seine Trümpfe selbst am vermeintlichen Tiefpunkt bestens kennt. Erstens weiß keiner so viel wie er über die Vorgänge im Innersten der FPÖ. In so jemandem will man eigentlich keine Rachegelüste wecken. Zweitens ist da seine Frau Philippa Strache, die im Prinzip ein Nationalratsmandat errungen hat. Das Listenrecht ist komplex, nach einigem Hin und Her sieht es derzeit danach aus, dass sie ins Parlament einziehen wird, doch Klarheit wird es nicht vor Donnerstag geben, wenn das amtliche Endergebnis vorliegt.