Die Fehltritte, Niederlagen und Verfassungsverstöße, die Boris Johnsons Amtszeit als Premierminister bislang prägen, füllen mittlerweile eine so lange Liste, dass man den Überblick verliert. Umso größer ist die Spannung, mit der seine Rede zum Abschluss des Tory-Parteitags an diesem Mittwoch erwartet wird. Sie könnte Details zu seinen weiteren Brexit-Plänen enthalten, die Johnson wenig später in Brüssel vorlegen will, um den Streit über das Austrittsabkommen zwischen Großbritannien und der EU zu lösen. 

Die Abstimmungen im Unterhaus hat Johnson bislang allesamt verloren. Das Parlament und die Justiz hat er zu seinen Feinden erklärt. Die Königin hat er angelogen. Das Fazit vieler Politikexperten und Journalisten ist einhellig: Der Premier ist ganz einfach überfordert. Johnsons politische Fähigkeiten sind sehr begrenzt.

Umso überraschender nimmt sich ein Blick in die Meinungsumfragen aus. Denn bei der Bevölkerung ist die Botschaft, dass Johnson ein inkompetenter Schwätzer ist, offensichtlich noch nicht angekommen. Die Tories liegen nach wie vor deutlich vor den anderen Parteien – und Johnsons persönliche Zustimmungswerte übertreffen jene seiner Rivalen sogar um ein gutes Stück.

Tories vor Labour

Am Wochenende publizierte beispielsweise der Observer eine Erhebung des Forschungsinstituts Opinium, laut der die Tories zwölf Prozentpunkte vor Labour liegen. 37 Prozent der Befragten sind demnach der Meinung, dass Boris Johnson der beste Premierminister ist, gerade einmal 16 Prozent würden Oppositionschef Jeremy Corbyn bevorzugen.

Zwar gehen die Umfragen, die in den vergangenen Wochen veröffentlicht wurden, zum Teil stark auseinander, und Meinungsforscher verweisen darauf, dass es derzeit aus verschiedenen Gründen besonders komplex ist, das Wahlverhalten der Briten vorauszusagen. Dennoch besteht kaum Zweifel, dass die Konservativen vor Labour liegen – und vor allem, dass Johnson auf einen guten Teil der Unterstützung der Bevölkerung zählen kann. Wie kommt das?

Leicht vereinfacht lässt sich die Antwort in einem Wort zusammenfassen: Brexit. Johnsons Strategie besteht darin, als Champion der Leave-Wähler aufzutreten, deren Willen er gegen den Widerstand des politischen Establishments umsetzen will. "Mit Ausnahme der Exekutive wird jeder Teil des politischen und staatlichen Gefüges als ein Hindernis identifiziert – die Legislative, die Gerichte, sogar die Queen", sagt Will Davies, Professor für politische Ökonomie an der Goldsmiths University in London. "Diesen Institutionen stellt sich Johnson entgegen. Es ist eine unverblümt populistische Strategie."

Sie beschert dem Premierminister viele Anhänger. Über dem ganzen Chaos der vergangenen drei Jahre darf nicht vergessen werden, dass noch immer annähernd die Hälfte der Bevölkerung aus der EU austreten will. Einem großen Teil dieser Brexit-Befürworter gefällt das kecke Auftreten des Premiers. Johnson kann die Niederlage im Supreme Court letzte Woche gar zu seinem Vorteil nutzen, schreibt die konservative Journalistin Katy Balls. Bei vielen Medienvertretern, die den Politbetrieb in Westminster seit vielen Jahren und Jahrzehnten verfolgen, sträuben sich angesichts der dreisten Manöver der Regierung die Haare. Aber die Normalbevölkerung teilt den Respekt der Journalisten vor den altehrwürdigen Institutionen des Staates kaum.