Dass Journalisten aus Regierungskreisen zitieren und die Namen ihrer Informanten nicht nennen, gehört zum Geschäft. Oft geht es darum, frühzeitig über Entwicklungen zu berichten, die offiziell noch nicht kommuniziert werden. In London wird diese Praxis allerdings gerade zum Problem. Seit Boris Johnson in der 10 Downing Street die Geschäfte übernommen und Dominic Cummings als seinen obersten Berater installiert hat, gibt es Kritik. Der Vorwurf: Die britische Regierung informiere die Öffentlichkeit systematisch über solche anonym gehaltenen Quellen, manche sprechen gar von Manipulation. Nachrichten von Journalisten, die sich verschleiernd auf eine "Senior No 10 Source" beziehen, sind beinahe ebenso wichtig geworden wie die offiziellen Verlautbarungen – und sie erzählen oft ganz unterschiedliche Geschichten.

Das jüngste Beispiel beginnt mit einem Telefonat, das Johnson am Dienstagmorgen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel über die Verhandlungen zum Brexit geführt hat. Der britische Premier hatte der EU einen Vorschlag unterbreitet, von dem er weiß, dass die Europäer ihn nicht akzeptieren können. Das gehört zu seiner Strategie, die in der Downing Street mittlerweile kaum noch verdeckt wird: Lehnt die EU seinen Vorschlag ab, liegt die Schuld für das Scheitern der Gespräche in Brüssel. So hätte es Johnson gern, also bot sich geradezu an, nach dem Telefonat zu kolportieren, dass Merkel seinen Vorschlag bereits zurückgewiesen habe. Damit hätte er ein Argument, die ihm rechtlich für den 19. Oktober vorgeschriebene Anfrage einer Fristverlängerung für den Brexit als vergeudete Zeit abzulehnen.

Keine zwei Stunden nach dem Telefonat twitterte die BBC-Korrespondentin Laura Kuenssberg mit Verweis auf eine "No 10 Source", Merkel habe angeblich gesagt, dass eine Einigung "äußerst unwahrscheinlich" sei. Kuenssberg gilt als eine der besten Journalistinnen in London, die mit dem Regierungssitz in der Downing Street äußerst gut vernetzt ist: Wenn sich dort etwas tut, hat sie die Informationen. Nun meldete sie, die Bundeskanzlerin habe im Gespräch mit Johnson deutlich gemacht, dass Großbritannien die EU nur verlassen könne, wenn Nordirland in der EU-Zollunion bleibe und den EU-Standards im Handel folgen werde. Anderenfalls sei ein Deal "im Prinzip unmöglich". Die Quelle aus der Downing Street zitiert sie damit, dass die "Gespräche in Brüssel kurz vor dem Zusammenbruch" stünden, das Telefonat mit Merkel habe "Klarheit geschaffen". Die Reaktion des Sprechers der Bundesregierung, Steffen Seibert: "Wie üblich berichten wir aus solchen vertraulichen Gesprächen nicht."

"Wenn dieser Deal jetzt fällt, dann war es das"

Das Problem: Die Regierung Johnson hält sich nicht mehr an "übliche" Verhaltensregeln. EU-Ratspräsident Donald Tusk etwa machte keine Umschweife, dass er wusste, wer hinter der Quelle stand und was das alles sollte: "Boris Johnson, hier geht es nicht darum, bei irgendeiner blöden Schuldzuweisung zu punkten. Sie wollen keinen Deal, keine Fristverlängerung, keinen Widerruf des Brexits – was denn dann?"

Was die britische Regierung will, erfuhr die Öffentlichkeit am Montag – wieder anonym, dieses Mal über das politische Magazin The Spectator (dort arbeitet auch die Ehefrau von Cummings, Mary Wakefield). Der Journalist James Forsyth vom Spectator hatte in der Downing Street eine Anfrage gestellt, wie es denn nun mit dem Brexit weitergehe. Er bekam eine anonyme schriftliche Mitteilung, "damit die Leute verstehen, wie die Verhandlungen nach Ansicht von No 10 laufen". Darin wird unverblümt gesagt, dass die Verhandlungen diese Woche wohl scheitern würden. Der irische Premierminister Leo Varadkar habe nie ernst verhandeln wollen, sondern schiele immer noch auf eine zweite Volksabstimmung nach einer Wahl. "Wenn dieser Deal jetzt fällt, dann war es das", heißt es in dem Memo, das deutlich macht, dass die Regierung lediglich nach der Rechtfertigung sucht, um ihre Politik des sogenannten No Deal beizubehalten: "Wenn wir die Brexit-Partei schlagen wollen, müssen wir die Wahl nach dem Motto führen: 'Keine weiteren Verzögerungen. Der Brexit muss jetzt endlich kommen, sofort.'"

Dafür aber muss die Regierung demonstrieren, dass weitere Verhandlungen zwecklos sind und dass sich Johnson zu Recht lang genug gegen eine Fristverlängerung gewehrt hat. Daher gleich das nächste doppelzüngige Spiel: Am Freitag hatte die Regierung vor dem obersten schottischen Gerichtshof versichert, dass sie das Benn-Gesetz zur Fristverlängerung einhalten werde. Es besagt, dass die britische Regierung bei der EU am 19. Oktober eine Fristverlängerung beantragen muss, wenn man sich nicht auf dem EU-Gipfel am 17./18. Oktober auf einen Brexit-Deal geeinigt haben sollte. Ein No Deal, also ein ungeordneter Austritt am 31. Oktober soll damit vermieden werden. Der schottische Richter urteilte, dass die Legislative (also die Abgeordneten) kein Recht habe, die Exekutive (also die Regierung) zu weiteren Handlungen zu zwingen. Schließlich habe die Regierung dem Gericht versichert, dass sie das Gesetz zur Fristverlängerung einhalten werde. Er gehe davon aus, dass das Vertrauen des Gerichts in die Regierung, nicht gebrochen werde.