Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hat bei seinem Besuch in Athen gesagt, eine Neuordnung der europäischen Flüchtlingspolitik diene deutschen Interessen. "Wenn wir Griechen und Türken helfen, ist das solidarisch gegenüber euch, aber hilft auch uns", sagte er vor Journalisten. Niemand in Europa solle glauben, das Thema betreffe ihn nicht. Wenn die Flüchtlingskrise nicht solidarisch und gemeinsam gelöst werde, "dann werden wir das erleben, was wir 2015 auch erlebt haben: Dann werden die Menschen überall in Europa sein".

"Mir ist eine geordnete Flüchtlingspolitik lieber als ungeordnete Zuwanderung", sagte Seehofer nach einem Gespräch mit dem griechischen Bürgerschutzminister Michalis Chrysochoidis, an dem auch EU-Migrationskommissar Dimitris Avramopoulos teilnahm. Man habe Griechenland Hilfe im Bereich Grenzschutz, Informationstechnik und auch Personal für die Bearbeitung von Asylgesuchen angeboten.

Chrysochoidis bewertete das Gespräch positiv: "Wir sind alle Franzosen, wenn Frankreich leidet, wir sind alle Deutsche, wenn etwas in München oder Berlin passiert", sagte er, und: "Ich bin erleichtert, dass wir uns heute darauf verständigen konnten, in der Flüchtlingsfrage alle Griechen zu sein." Die Situation auf den Inseln sei dramatisch. "Wenn wir nicht aktiv werden, dann wird (das Flüchtlingslager) Moria ganz Europa stigmatisieren."

Seehofer hatte sich wegen des wackelnden Flüchtlingspakts am Freitagmorgen in der Türkei bereits mit Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu und am Donnerstag unter anderem mit seinem türkischen Kollegen Süleyman Soylu getroffen. Das Gespräch sei produktiv gewesen, hatte Çavuşoğlu anschließend gesagt, man habe den Pakt in allen Details diskutiert.

Türkische Regierung fordert Hilfe für Sicherheitszone in Syrien

Der türkische Vize-Präsident Fuat Oktay hat beim Türkei-Besuch von Seehofer die EU dazu aufgefordert, bei der Umsiedlung von syrischen Flüchtlingen in eine sogenannte Sicherheitszone in Nordsyrien zu helfen. "Wir erwarten, dass fast zwei Millionen Syrer freiwillig in diesen Friedenskorridor umsiedeln können", zitierte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu aus der Rede von Oktay während des Empfangs mit Seehofer und Avramopoulos in Ankara. "Wir müssen die nötige Infrastruktur bauen – vorläufige und langfristige Behausungen, Krankenhäuser und Schulen." Die Projekte seien fertig geplant, "aber wir brauchen die Unterstützung aller regionalen Akteure, um sie umzusetzen, besonders der EU", sagte Oktay.

Das Umsiedlungsprojekt ist höchst umstritten, unter anderem, weil Nordsyrien weiterhin umkämpft ist. Das Thema war schon am Donnerstagabend bei Seehofers Treffen mit dem Innenminister Süleyman Soylu und am Freitag bei einem Treffen mit Außenminister Çavuşoğlu aufgetaucht. Seehofer ließ seine Gesprächspartner offenbar abblitzen. "Ich habe deutlich gesagt, dass es ja viele Regierungen gibt, unsere eingeschlossen, die da ihre Probleme haben", sagte Seehofer am Donnerstagabend.

Die Türkei hat seit Beginn des Bürgerkrieges im Nachbarland Syrien offiziellen Angaben zufolge rund 3,6 Millionen syrischer Flüchtlinge aufgenommen, mehr als jedes andere Land der Welt. Die anfangs von vielen gelebte Willkommenskultur kippt mittlerweile, auch wegen der schlechten wirtschaftlichen Lage.

Flüchtlingspolitik - Host Seehofer ruft zu europäischer Solidarität auf Der Innenminister hat in Athen gesagt, eine europäische Migrationspolitik sei in deutschem Interesse. Der "temporäre Kontrollverlust" 2015 würde sich sonst wiederholen. © Foto: Thanassis Stavrakis/AP/Picture Alliance