Es ist kurz vor Mitternacht in Sadr City, dem für Aufstände berüchtigten Arbeiterviertel von Bagdad, doch in der Seitenstraße im Sektor 37 sind noch Dutzende Menschen auf den Beinen. Sie tragen Schwarz. 15 junge Männer allein aus dieser Straße sind in den vergangenen Tagen bei Protesten erschossen worden; "Märtyrer geworden", sagen sie hier. Der Irak hat die größten Demonstrationen seit Jahren erlebt und ringt nun um Worte für das, was dabei geschah – und was daraus ganz bald noch folgen könnte.

Familie Sbahawi bittet ins Wohnzimmer. Der älteste Sohn, Tha'er Sbahawi, sagt, sein Bruder Jasser sei einer gewesen, der ungern über sich, aber gern über Gerechtigkeit für alle sprach. An diesem Wochenende starb Jasser, 27 Jahre alt, an einem Schuss ins Herz.

Tha'er, 38, war nicht bei seinem Bruder, als der Schuss fiel, aber er war auf derselben Demonstration. Seine Stimme ist noch heiser davon, seine Augen rot vom Weinen. Trotzdem erzählt er. Schließlich wolle die Regierung offensichtlich genau das verhindern: dass die Ereignisse dieser Tage nach außen dringen.

Sie waren viele, und sie hatten keine Anführer

Auch mehr als eine Woche nach Beginn der Proteste ist das Internet im Irak weitgehend abgeschaltet. Journalisten wurden bedroht, viele sind geflohen. Auch ausländische Nachrichtenagenturen wie AFP haben ihre Korrespondenten abgezogen. So hat es von den Demonstrationen weniger Bilder und persönliche Geschichten gegeben. Europa erreichten im Nachrichtenfluss vor allem Zahlen: 110 Tote und mehr als 6.000 Verletzte in einer Woche täglicher Proteste.

Tha'er Sbahawi war von Anfang an dabei. Am 1. Oktober, Iraks Nationalfeiertag, ging er wie Tausende andere junge Männer mit seinen Brüdern auf den Platz der Befreiung im Zentrum von Bagdad. Sie wollten zeigen, dass sie die Korruption und Arbeitslosigkeit im Land satthaben. Im Kleinen hatte es solche Proteste schon in den Vormonaten gegeben. Dieser war anders: Sie waren viele. Sie hatten keine Anführer. Und plötzlich fielen Schüsse.

Sbahawi sagt, sein Bruder und er hätten den Aufruf zum Protest auf Facebook-Seiten wie Shakumaku gesehen, überparteilich und überkonfessionell. "Wir waren überrascht, dass auf dem Platz dann keiner war, der uns anführte." Eigentlich habe er das gut gefunden: Endlich ein Protest, den keine der üblichen politischen Parteien dominierte. Nur frage er sich nach allem, was dann passierte, ob sie da nicht jemand ans Messer geliefert habe.

Der Alltag ist auch ohne Krieg ein Kampf

Europäische Diplomaten sahen den Irak zuletzt auf einem guten Weg. Seit einem Jahr gibt es eine neue Regierung, an der alle wichtigen Parteien beteiligt sind. Es gibt kaum noch Anschläge, in Bagdad haben die Behörden Straßensperren abbauen lassen. Zwei Jahre nachdem der "Islamische Staat" aus dem Irak vertrieben wurde, sind die Öleinnahmen, von denen der Staat lebt, so hoch wie seit Jahren nicht.

Doch hier in Sadr City haben sie von Erleichterung kaum etwas gespürt. Männer wie Tha'er Sbahawi müssen gerade nicht mehr in den Krieg ziehen. Aber ihren Alltag erleben sie als Kampf.