Am 23. Juni 2016 stimmte die Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU. Mehr als dreieinhalb Jahre später ist der Brexit immer noch ungeklärt. Wie blicken die Britinnen und Briten auf Jahre des Streits, der Kontroversen und eine Zukunft außerhalb der EU? Unsere Reporterin Rieke Havertz ist in den entscheidenden Tagen vor dem Austritt im Land unterwegs.

Von der Londoner Rushhour ist am frühen Morgen im University Women’s Club im noblen Stadtteil Mayfair nichts zu hören. Dicker Teppichboden schluckt schon im Foyer jedes Geräusch, im Frühstücksraum des alten Backsteingebäudes blicken Gäste durch mit schweren Vorhängen gesäumte Fenster auf einen kleinen Garten mit schmiedeeisernen Stühlen und Tischen. Der Hyde Park und Buckingham Palace sind in wenigen Schritten zu erreichen, Botschaften und Privatbanken residieren in der Nachbarschaft, Wohnungen mit zwei Schlafzimmern werden hier für bis zu acht Millionen Pfund verkauft.

Der University Women’s Club ist der älteste Frauenclub Londons, gegründet 1886 von Gertrude Jackson, um Frauen einen Ort des Austauschs zu ermöglichen zu einer Zeit, in der Frauen in Großbritannien zwar die Universität besuchen, aber keinen Abschluss machen konnten. Unvorstellbar für Kate Nowlan und Linda Siegle, die an diesem Morgen bei Kaffee, Porridge und gekochtem Ei zusammensitzen. Nowlan ist auf dem Sprung, sie arbeitet als Geschäftsführerin einer Arbeiternehmerberatung in London. Siegle, die Jura studiert hat und im Bildungswesen tätig war, ist mit Mitte 70 in Rente. Beide wohnen außerhalb Londons und schätzen an dem Club, in dem sie seit vielen Jahren Mitglied sind, dass es ein angenehmer, sicherer Ort ist, an dem sie übernachten können, der ein Netzwerk bietet und Veranstaltungen organisiert.

Kate Nowlan (links) und Linda Siegle (rechts): © Rieke Havertz für ZEIT ONLINE

"Das Besondere ist, dass uns der Club gehört", sagt Siegle. Die Mitglieder bestimmen über alles. Manchmal ein mühsamer Prozess, räumt Nowlan ein, die im Haus- und Finanzkomitee sitzt. Bei mehr als 800 Mitgliedern hat fast jeder eine Meinung zu allem. Siegles Aufgabe ist etwas einfacher: Sie ist Teil des Weinkomitees.

Seit 1921 residiert der Club in Mayfair, das fünfstöckige Gebäude gehört dem Club. Verkaufen und in eine günstigere Gegen ziehen, wie es manch anderer Club schon gemacht hat, kommt nicht infrage, darin sind sich die Damen einig. Die Tische mit den dreifach gelegten weißen Decken und den frischen Lilien und Rosen darauf würden fast überall anders wohl auch deplatziert wirken. Wer dem Club beitreten will, braucht die Empfehlung eines anderen Mitglieds und muss bereit sein, gut 800 Euro im Jahr Gebühr zu zahlen. Nicht übermäßig viel, auch die Übernachtungspreise sind mit 80 Euro günstig, konkurrenzlos in diesem Teil Londons. Elitär und abgehoben will der Club nicht wirken, aber doch eine gewisse Gruppe von Frauen ansprechen: gut ausgebildet und berufstätig. Ein bisschen Upper Class darf es schon sein, die ein oder andere Lady sei auch Mitglied, "ganz reizende Frauen", sagt Siegle. 

Überzeugte Europäerinnen

Ein Parteibuch brauchen Mitglieder hingegen nicht. Der Club ist ein Ort für Begegnungen, die Diskussionen sind durchaus politisch, aber eben nicht parteipolitisch. Und konnte man in den vergangenen dreieinhalb Jahren Brexit-Streit zur Überzeugung gelangen, dass es in dieser Frage keinen Kompromiss mehr gibt und Familien über die Frage "Leave" oder "Remain" zerbrechen, zeigen die Damen an diesem Morgen, dass es doch so etwas wie Annäherung gibt. 

Im Speiseraum treffen die unterschiedlichen Positionen aufeinander. Kate Nowlan – deren Ehemann für Leave gestimmt hat – und Linda Siegle sind überzeugte Europäerinnen, Anhänger der Liberal Democrats und Gegnerinnen des Brexits. "Extrem viele unsere Clubfreundinnen sind Brexit-Anhängerinnen", sagt Kate Nowlan, "aber hier können wir geschützt darüber reden, niemand wird angegriffen."