Auch, wenn es keiner zugeben wird – bei manch europäischem Politiker macht sich Erleichterung breit. Gut, dass andere sich um die Kurden in Syriens Nordosten kümmern – in diesem Fall das Assad-Regime. Denn während in Brüssel über Strafmaßnahmen gegenüber der Türkei diskutiert wird, die keiner so recht will – Wirtschaftssanktionen, ein Waffenexportstopp und das Aussetzen von Beitrittsverhandlungen – haben die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) sich längst mit Damaskus geeinigt.

Sie hatten angesichts vorrückender protürkischer Einheiten keine Zeit zu verlieren und angesichts der abziehenden US-Truppen und zögerlichen Europäer keine Wahl. "Wenn wir uns zwischen Kompromissen und dem Genozid unseres Volkes entscheiden müssen, wählen wir das Leben unseres Volkes", schrieb Mazloum Abdi, der Oberste Befehlshaber der von den YPG dominierten Syrisch Demokratischen Kräften (SDF), in einem Gastbeitrag für Foreign Policy.

Deshalb kämpfen die kurdischen Milizen jetzt zusammen mit den Truppen des syrischen Regimes gegen den Vormarsch der Türkei. Oder anders gesagt: Die Hauptverbündeten des Westens, die über Jahre von den USA militärisch ausgestattet und ausgebildet wurden und im Interesse Europas das IS-Kalifat zerschlugen, machen jetzt gemeinsame Sache mit Syriens Herrscher Bashar Al-Assad und Russlands Präsident Wladimir Putin. So etwas passiert, wenn innenpolitische Bedenken zu außenpolitischer Handlungsunfähigkeit führen. Wenn Länder wie Deutschland getrieben sind von dem Ziel, keine weiteren Geflüchteten aufzunehmen und möglichst viele schnell zurückzuschicken. Dann finanziert die Bundesregierung lieber die Abschottung in der Ägäis, statt sich um den Schutz von Syrern vor Ort einzusetzen – ob in Rojava vor den Bomben des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan oder in Idlib vor den Luftangriffen Russlands.

Pufferzone, Gerichtsprozesse, Wiederaufbau

Politisches, diplomatisches und militärisches Totalversagen, wieder einmal. Dabei hatte Europa seit dem angekündigten Rückzug der USA und Erdoğans erklärter Absicht zum Einmarsch fast ein Jahr Zeit, um eine Strategie für den Nordosten Syriens zu entwickeln – ein wichtiges Gebiet, weil dort neben großen landwirtschaftlichen Anbauflächen auch das wenige Erdöl liegt, das Syrien besitzt. Um die kurdischen Verbündeten zu schützen hätten die Europäer eine international überwachte Pufferzone zur Türkei einrichten können. Die europäischen IS-Kämpfer hätten sie zurückholen und in ihren Heimatländern vor Gericht stellen müssen. Und durch die Anti-IS-Koalition zerstörte Städte wie Raqqa hätte Europa viel entschlossener wiederaufbauen müssen. 

Statt also der eigenen Verantwortung in Rojava, dem Kurdengebiet in Nordsyrien, nachzukommen und dadurch Einfluss auf die Nachkriegsordnung in Syrien zu gewinnen, überlassen die Europäer die Region nun anderen. Assad, Putin und Erdoğan werden einen Deal aushandeln, dem die kurdische Autonomieverwaltung ohne Rückendeckung aus dem Westen nur zustimmen kann.

Dieses visionslose Wegducken der Europäer wird sich rächen. Denn wenn das Assad-Regime den Nordosten Syriens wieder kontrolliert, bezahlen dafür nicht nur die Kurden einen Preis. Auch regimekritische Syrer sind dann in Gefahr und müssen fliehen, gefangene IS-Mitglieder werden zur erprobten Waffe in den Händen der syrischen Geheimdienste. Am Ende muss Europa mit mehr Geflüchteten und unkontrolliert freigelassenen Dschihadisten rechnen, Deutschland ist nicht mehr nur von Erdoğan erpressbar, sondern auch von Assad. Ein beunruhigendes Szenario? In der Tat. Folgende Entwicklungen sind absehbar:

Um einen direkten Krieg zwischen dem syrischen Regime und der Türkei abzuwenden, wird Putin versuchen, einen Kompromiss zu vermitteln. Der könnte so aussehen: Die Türkei stoppt ihren Vormarsch östlich von Tel Abyad und darf dafür das Grenzgebiet westlich davon bis nach Afrin kontrollieren – inklusive der strategisch wichtig gelegenen Stadt Manbij. Dort wird Erdoğan syrische Geflüchtete aus der Türkei ansiedeln, um innenpolitisch zu punkten und das Gebiet demografisch umzubauen. Türkeitreue syrische Islamisten, ihre Familien und andere arabische Syrer hätten Vorrang – ähnlich wie in Afrin, wo infolge der türkischen Offensive Anfang 2018 Zehntausende Kurden vertrieben wurden. Das Gebiet nördlich von Aleppo zwischen den Orten Jarablus, Azaz und al-Bab, das die Türkei 2016 eingenommen hat, gleicht schon jetzt einem türkischen Protektorat.