US-Präsident Donald Trump hat sich erneut gegen den Vorwurf gewehrt, er habe mit dem Abzug von US-Truppen aus Nordsyrien die Kurdinnen und Kurden im Stich gelassen. Die kurdischen Milizen hätten lediglich aus Eigeninteresse gegen den IS gekämpft und nur "ein eigenes Territorium" für sich gewollt, sagte Trump. Zudem hätten die Kurden den USA auch nicht im Zweiten Weltkrieg in der Normandie geholfen.

Die USA haben am Montag damit begonnen, Soldaten aus der nordsyrischen Grenzregion abzuziehen. Das ermöglichte die türkische Militäroffensive, die am Mittwoch begann. Für die Entscheidung wird Trump sowohl von Republikanern als auch von Demokraten kritisiert. Der republikanische Senator von South Carolina Lindsey Graham warf dem Präsidenten vor, die kurdischen Alliierten "schamlos im Stich gelassen" zu haben. Graham warnte, Trumps Handeln werde zu einem Erstarken des IS führen.

Trump rechtfertigte sich, er habe immer deutlich gemacht, dass er "diese endlosen, sinnlosen Kriege nicht kämpfen will – besonders jene, die den Vereinigten Staaten nicht nützen". US-Außenminister Mike Pompeo verteidigte den Abzug ebenfalls. Der Präsident habe der Türkei kein "grünes Licht" gegeben, sondern für die Sicherheit amerikanischer Soldaten gesorgt.

Berichte über tote Zivilisten

In den ersten Stunden der türkischen Offensive sollen laut Menschenrechtsorganisationen mindestens zehn Menschen getötet worden sein, darunter mehrere Zivilistinnen und Zivilisten. Viele sind auf der Flucht. Ein Sprecher der Kurdenmiliz Syrische Demokratische Kräfte (SDF) sprach von einer "großen Panik" in der Region.

Das US-Militär übernahm wegen der türkischen Invasion mehrere IS-Kämpfer, die bisher von den Kurden festgehalten wurden. Darunter seien die für ihre Brutalität berüchtigten Briten Alexanda Kotey und El Schafi Elscheich, die in den Irak gebracht werden sollten, berichteten die Washington Post und die New York Times. Die beiden sollen an der Enthauptung von Geiseln beteiligt gewesen sein und zu einer IS-Zelle gehört haben, die wegen ihrer Herkunft und ihres britischen Akzents auch "The Beatles" genannt wurde.

Kritik an der Türkei

Die Militäroffensive der Türkei wird international kritisiert. Die Mitgliedsstaaten der EU haben die Türkei in einer gemeinsamen Erklärung zum Abbruch aufgefordert. "Erneute bewaffnete Auseinandersetzungen im Nordosten werden die Stabilität in der ganzen Region weiter untergraben, das Leiden der Zivilisten verschlimmern und zusätzliche Vertreibungen provozieren", heißt es in der Stellungnahme. Die Türkei gefährde die Erfolge der internationalen Koalition gegen den IS. Der Weltsicherheitsrat will am Donnerstag hinter verschlossenen Türen über die türkische Offensive sprechen, wie aus UN-Diplomatenkreisen verlautete.

Trump teilte mit, er befürworte den Angriff nicht. Er drohte dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan mit ökonomischen Konsequenzen, sollte dieser in Syrien nicht "so human wie möglich" vorgehen. Die Türkei habe sich dazu bekannt, Zivilpersonen und religiöse Minderheiten zu schützen und daran wolle man die Türkei messen. Auf die Frage eines Reporters, ob er besorgt sei, dass Erdoğan die Kurden "auslöschen" könnte, antwortete Trump: "Wenn das passiert, werde ich seine Wirtschaft auslöschen."

Demokratische und republikanische Senatoren des US-Kongresses bereiten derweil eine parteiübergreifende Resolution für Sanktionen gegen die Türkei vor. So wollen sie US-Waffenverkäufe an das Land stoppen, kündigte der demokratische Senator Chris Van Hollen an. Zusätzlich spreche er mit dem republikanischen Senator Lindsey Graham darüber, andere Länder zu bestrafen, die der Türkei  Waffen verkaufen. Außerdem wollen die Senatoren Erdoğan persönlich mit Sanktionen belegen.