Es sind chaotische Szenen: Männer schreien durcheinander, Schüsse gellen, die Kamera wackelt. Aber das 26 Sekunden lange Video, das ZEIT ONLINE vorliegt, ist eindeutig genug, um einen schweren Verdacht zu erregen. Denn die Aufnahme zeigt, wie eine Gruppe bewaffneter Männer in Militärkleidung einen gefesselten, am Boden liegenden Mann aus kurzer Distanz erschießt.

Bei den Tätern handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um Kämpfer der syrisch-arabischen Islamistengruppe Ahrar al-Scharqiyyah. Dafür spricht Propagandamaterial der Ahrar al-Scharqiyyah, auf dem die Festnahme des später erschossenen Mannes dokumentiert ist. Die Gruppe wird von der Türkei unterstützt, deren Armee derzeit in Nordsyrien gegen die kurdische YPG vorgeht. Bei dem Opfer handelt es sich um einen Kämpfer der YPG.

Bereits am Samstagabend berichtete die New York Times über das Video. Die Zeitung zitierte auch einen Kämpfer der Ahrar al-Scharqiyyah, der bei dem Vorfall dabeigewesen sei. Ihm zufolge fand die Exekution am frühen Samstag nahe Tel Abyad in Nordsyrien statt. Der Gewährsmann der New York Times berichtet dem Blatt zufolge zudem, dass noch ein zweiter Gefangener getötet worden sei. Er sei erschossen worden, nachdem er zu fliehen versucht habe. 

Dieser zweite Mann ist auf dem Video ebenfalls zu sehen, allerdings nicht seine Exekution. Auf dem Propagandamaterial der Ahrar al-Scharqiyya ist er laut New York Times gar nicht zu sehen. 

Über die Verbindung der Ahrar al-Scharqiyyah zur Türkei bestehen wenig Zweifel. Die Gruppe sei Teil der türkischen Offensive in Syrien und koordiniere sich mit der türkischen Armee, sagte der Syrien-Experte Aymenn al-Tamimi ZEIT ONLINE. Al-Tamimi ist ausgewiesener Fachmann für die Vielzahl an Milizen und militanten Gruppierungen in Syrien und hat Teilnehmer sowie Beobachter der Offensive interviewt. 

"Die Kriegsverbrechen von Erdoğans Verbündeten sind Erdoğans Kriegsverbrechen", sagte Omid Nouripour, grüner Bundestagsabgeordneter und Außenpolitiker ZEIT ONLINE. "Erdoğans Feldzug schafft neuen Rückenwind für die dschihadistische Szene. Damit spielt er mutwillig mit unser aller Sicherheit."