Die Kurdenmilizen in Nordsyrien haben bestätigt, sich aus dem Gebiet um die belagerte Stadt Ras al-Ain zurückziehen zu wollen. Redur Chalil, Commander und Sprecher der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) verknüpfte damit die Bedingung: Seine Truppen würden sich erst dann entfernen, wenn die türkische Regierung die Evakuierung ihrer verbliebenen Kämpfer und Zivilisten aus Ras al-Ain erlaube und ihnen freien Abzug garantiere. Insofern es keine Verzögerungen gebe, könne der komplette Abzug aus der Grenzstadt am Sonntag erfolgen. Ein Teilabzug aus Ras al-Ain nahe der türkischen Grenze hat am Samstag begonnen. Medizinische Fahrzeuge durften 30 Verwundete und vier Leichen aus einem Krankenhaus holen.

Es ist das erste Mal, dass die syrisch-kurdischen Kämpfer öffentlich einen Rückzug aus der Grenzregion ankündigen. Das Vorgehen sei mit den USA abgesprochen, sagte Chalil und ergänzte, seine Truppen würden sich aus einem 120 Kilometer langen und rund 30 Kilometer breiten Gebiet zwischen Ras al-Ain und Tall Abjad entfernen – aber nur, wenn die Türkei der Bedingung folge. Die Größe des Gebietes haben auch US-Regierungsbeamte bestätigt.

Die bis Dienstag angesetzte Waffenruhe in Nordsyrien ist am Sonntag nach Angaben der türkischen Regierung erneut verletzt worden. Ein türkischer Soldat sei getötet, ein weiterer bei dem Angriff kurdischer Milizkämpfer am Sonntag verletzt worden, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit. Die Soldaten wurden bei einer "Aufklärungs- und Überwachungsmission" in der Region um Tall Abjad unter anderem mit Panzerabwehrwaffen attackiert. Um sich zu verteidigen, hätten die Soldaten zurückgeschossen.

20 Angriffe nahe Ras al-Ain

Die Türkei und die kurdischen Milizen haben sich bereits am Samstag gegenseitig vorgeworfen, gegen die Waffenruhe zu verstoßen. Die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) beschuldigten die Regierung in Ankara, die vereinbarte Waffenruhe nicht einzuhalten und den Abzug ihrer Kämpfer aus der Stadt Ras al-Ain zu blockieren. Die Türkei wies dies zurück und warf den kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) ihrerseits zahlreiche Angriffe vor. Das türkische Verteidigungsministerium sprach am Sonntag von 20 Angriffen.

Die von US-Vizepräsident Mike Pence und dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan am Donnerstagabend ausgehandelte Vereinbarung über eine fünftägige Waffenruhe soll den YPG-Kämpfern den Abzug aus einer geplanten "Sicherheitszone" an der türkischen Grenze erlauben. Allerdings herrscht keine Einigkeit über das genaue Ausmaß dieser Pufferzone.

US-Verteidigungsminister Mark Esper räumte ein, dass es trotz der Vereinbarung vereinzelt Kämpfe gebe. Doch scheine die Feuerpause zu halten. Er sagte am Samstag vor Journalisten, die ihn auf einer Nahostreise begleiten, es sei geplant, den Großteil der bisher in Nordsyrien stationierten US-Truppen abzuziehen. Das Vorhaben, mehr als 700 Soldaten in den Westen Iraks zu verlegen, sei bereits mit seinem irakischen Amtskollegen abgesprochen. Zwischen 200 und 300 US-Soldaten sollen im südsyrischen Stützpunkt in Al-Tanf verbleiben. Die restlichen Truppen sollen dabei helfen, den Irak zu verteidigen und gegen den "Islamischen Staat" vorzugehen, so Esper.

US-Präsident Donald Trump hat Anfang Oktober den Abzug der rund 1.000 amerikanischen Soldaten aus Nordsyrien befohlen und sich damit schwere Kritik auch aus den eigenen Reihen eingehandelt: Er habe der türkischen Militäroffensive damit den Weg geebnet. Vielfach wurde der Vorwurf des Verrats an den syrisch-kurdischen Milizen laut, die jahrelang an der Seite der USA gegen den IS gekämpft haben. Die Syrischen Demokratischen Kräfte warfen den USA vor, sie ließen ihren Verbündeten im Stich.