Eine Militäroffensive der Türkei in Nordsyrien steht offenbar kurz bevor. Türkische Geschütze stehen an der Grenze zu Syrien, um die kurdisch besetzten Gebiete in Nordsyrien anzugreifen. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan will dort eine sogenannte Sicherheitszone einrichten, die von ihm kontrolliert wird. Zugleich will die türkische Regierung damit gegen die SDF, die kurdisch geführten Syrischen Demokratischen Kräfte, vorgehen. Denn die türkische Regierung sieht in der YPG, der Kurdenmiliz, die die Demokratischen Kräfte anführt, eine Terrororganisation. Die Folgen einer Offensive wären für die ganze Region verheerend, vor allem aber für die Hunderttausenden Menschen, die in dem Grenzgebiet leben.

Viele syrische Kurden haben Angst vor dem Einmarsch, darunter auch die 31-jährige Lehrerin Mediya. Über eine syrische NGO haben wir Kontakt mit ihr aufgenommen und per WhatsApp mit ihr gesprochen. Um sie zu schützen, nennen wir nur ihren Vornamen.

Als ich hörte, dass die türkischen Streitkräfte bei uns einmarschieren wollen, habe ich geweint. Ich dachte: Was soll ich später meinen Kindern sagen? Unsere Nachbarn kennen uns, wir lieben unser Zuhause, wir wollen nicht weg von hier. Aber wenn die Türken hier reinkommen, dann müssen wir fliehen.

Ich bin in al-Hasaka aufgewachsen, einer Stadt im Nordosten Syriens, nahe der irakischen Grenze. Seit fünf Jahren lebe ich mit meinem Mann und meinen zwei Kindern in Kamischli. Mein Sohn ist dreieinhalb, meine Tochter eineinhalb Jahre alt. Unsere Stadt liegt direkt an der Grenze zur Türkei, von einigen Stadtteilen aus können wir die Häuser auf der türkischen Seite sehen, so nah ist es. Kamischli steht unter kurdischer Selbstverwaltung.

Syrien - Türkei startet Offensive gegen Kurdenmiliz YPG Das türkische Militär will mit dem Übertreten der türkisch-syrische Grenze dort eine sogenannte Sicherheitszone schaffen. Die syrische Regierung drohte zurückzuschlagen. © Foto: Baderkhan Ahmad

Die Menschen hier haben große Angst vor der Offensive. Alle sitzen vor dem Fernseher, aus den Wohnungen der Nachbarn dröhnen die schrillen Stimmen der Nachrichtensprecher.

Erdoğan hat ja schon öfter angekündigt einzurücken, jetzt scheint es ernst. Bisher haben wir uns sicher gefühlt, weil die US-Truppen hier waren. Die ersten Stützpunkte sind bereits verwaist, die Soldaten sind weg. Ohne sie sind wir den türkischen Truppen ausgeliefert. Ohne Unterstützung haben wir keine Chance.

Wir glauben, dass die türkischen Streitkräfte unsere Häuser plündern und unsere Männer einziehen werden. Sie schauen auf uns herab, sie betrachten uns als Feinde.

Mein Mann und ich sind Lehrer, wir arbeiten für die kurdische Verwaltung, wie die meisten Einwohner in Kamischli. Wir befürchten, dass die türkischen Streitkräfte uns nicht als Zivilisten ansehen, sondern als Repräsentanten der kurdischen Behörden. Dass sie sagen werden: "Ihr habt für die kurdischen Behörden gearbeitet, ihr seid wie sie."

Parallelen zu Afrin

Wir fürchten, dass mit uns das Gleiche passieren könnte wie mit den Menschen in Afrin, einer Stadt im Nordwesten von Syrien, die früher vor allem von Kurden bewohnt wurde. Dort begann die Türkei im Januar vergangenen Jahres eine Militäroffensive, einige Wochen später besetzten türkische Streitkräfte und Milizen der Freien Syrischen Armee die Stadt. Die Bewohner wurden vertrieben, ihre Häuser konfisziert, viele kurdische Kulturgüter zerstört. Sie haben die Kurden unter Generalverdacht gestellt. Wenn etwa in einer Familie jemand für die kurdischen Behörden gearbeitet hat, wurde die ganze Familie dafür bestraft und kam ins Gefängnis. Wir alle fürchten, dass sich das nun genauso wiederholen wird.

Die kurdische Verwaltung sagt, wir werden kämpfen und gegen die Türken aufbegehren. Aber ich glaube, das wird nicht gut ausgehen. Für uns Zivilisten wird es am schlimmsten. Und ich möchte nicht, dass meine Kinder einen Krieg miterleben müssen.

Ich habe schon eine kleine Tasche gepackt mit unseren wichtigsten Dingen und allen Dokumenten. Wir müssen vorbereitet sein. Wenn die türkischen Truppen einmarschieren, müssen wir sofort fliehen. Auch wenn wir nicht genau wissen, wohin.

Wir können nicht zurück nach al-Hasaka. Dort ist es noch gefährlicher als in Kamischli. Die Stadt ist zum Teil unter kurdischer Kontrolle, zum Teil unter Kontrolle des Regimes des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Wenn die Lage eskaliert, würde das Assad-Regime nicht davor zurückschrecken, uns Kurden zu attackieren. Ich habe noch zwei Brüder in al-Hasaka, auch meine Mutter lebt dort. Das Regime hat die Stadt schon bombardiert und sie glauben nicht, dass Assad sie schützen würde. Auch erzählen sie, dass einige Stadtteile von proiranischen Milizen kontrolliert werden – vor denen fürchten sie sich noch mehr.

Richtung Nordirak

Wir würden wahrscheinlich versuchen, über die Grenze in den kurdischen Teil des Nordirak zu gelangen. Man braucht dafür eine Genehmigung, aber noch ist es möglich, eine zu bekommen. Aber wenn viele Menschen in Richtung Grenze fliehen, werden sie diese vielleicht schließen. Dann sitzen wir fest. Und selbst wenn wir es schaffen: Niemand möchte fliehen, es ist furchtbar, seine Heimat zu verlieren.

Für Erdoğan sind alle Kurden Terroristen. Aber das stimmt nicht. Es gibt einige, die ideologisch verblendet sind, aber das ist nicht die Mehrheit. Die meisten hier sind Zivilisten. Warum will Erdoğan uns alle bestrafen? Wir leben und arbeiten hier, wir verdienen unser Geld, wir bringen unsere Kinder zur Schule. Wir haben eine gut funktionierende Selbstverwaltung. Alles war ruhig bisher. Hier leben verschiedene Ethnien, neben Kurden auch Araber und Assyrer, und das Zusammenleben verlief meist ohne Konflikte. Doch Erdoğans Offensive wird diese Ruhe zerstören und zu Spaltung und Hass führen.

Wir versuchen, jetzt normal weiterzumachen, aber alle stehen unter Schock. Einige Nachbarn packen, andere hoffen, dass doch noch ein Einlenken kommt. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass Erdoğan seinen Plan aufgibt, wir hoffen auf ein Wunder. Wir hoffen, dass US-Präsident Donald Trump die US-Truppen doch noch bei uns lässt. Und wenn er das nicht tut, dass die europäischen Staaten uns helfen werden. Wir vertrauen weder der Türkei noch dem Assad-Regime. Wir brauchen einen verlässlichen Unterstützer.