Bente Scheller beobachtet die Lage in Syrien seit Langem. Die Politologin leitet seit September 2019 das Referat Nahost und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung. Zuvor leitete sie seit 2012 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut. Sie war Referentin für Terrorismusbekämpfung an der deutschen Botschaft in Damaskus, promovierte zur syrischen Außenpolitik und ist Associate Fellow des International Centre for the Study of Radicalisation des King's College in London.

Die Militäroffensive der Türkei in Nordostsyrien hat begonnen. Den Weg dazu hat US-Präsident Donald Trump mit seiner jähen Ankündigung geebnet, die USA würden sich nicht für ihre Verbündeten im Kampf gegen den "Islamischen Staat" engagieren, die kurdisch dominierten Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) also alleinlassen und sich zurückziehen. Nach internationalen Warnungen und starkem Widerstand selbst im republikanischen Lager schränkte Trump ein, eine türkische Offensive sei eine "sehr schlechte Idee", und warnte, er werde die türkische Wirtschaft "vernichten". Dass die Türkei trotzdem mit dem Angriff begann, zeigt, wie sehr der Wankelmut der US-Regierung dazu geführt hat, dass die USA weder als Verbündeter noch als abschreckende Kraft ernst genommen werden.

Welche Optionen haben die syrischen Kurden in dieser verfahrenen Situation? "Eine Möglichkeit wäre, dass sie ein Abkommen mit dem Regime schließen", sagt Ferhad Ahma, Direktor der Organisation PEL - Civil Waves, die in den kurdischen Gebieten Syriens Bildungs- und Jugendprojekte unterstützt. "Gleichzeitig gibt es auch die Idee, gegen die türkische Offensive mit aller Macht zu kämpfen. Nur gute Optionen gibt es nicht." Der russische Außenminister Sergej Lawrow unterstrich in einer Pressekonferenz am Dienstag, eine Übereinkunft zwischen dem Regime und den Kurden wäre Russlands Präferenz. Alle Sicherheitsfragen die türkisch-syrische Grenze betreffend, sagte Lawrow, müssten in einem Dialog zwischen dem Regime und den "kurdischen Gemeinschaften, die diese Gegenden traditionell bewohnen", geklärt werden. Beide befänden sich auch bereits in einem Dialog. Doch was würde dort verhandelt?

Die Alternative sind Bomben

Russland selbst sei nicht interessiert daran, eine Position zu beziehen, sondern trete lediglich als Vermittler auf, sagt Ahma. Angeblich habe Lawrow das in einem Gespräch mit Masud Barzani, dem Anführer der kurdischen KDP und ehemaligen Präsidenten der autonomen Region Kurdistan im Irak, thematisiert. "Demzufolge würde es darauf hinauslaufen, dass Russland zwar keinen militärischen Schutz für die Kurden in Syrien gewähren möchte, sich aber dafür einsetzt, dass die Rückübernahme der von Kurden kontrollierten Gebiete an das Regime friedlich vonstattenginge."

Ob Genfer Prozess oder lokale Verhandlungen in anderen Gebieten Syriens, das Regime hat sich an keinem Punkt kompromissbereit gezeigt. So verhält es sich auch in dem Austausch zwischen SDF und dem Regime. "Das Regime hat alle Vorschläge abgelehnt, die kurdische Vertreter gemacht haben – selbst die, die nicht in Konflikt mit der syrischen Verfassung stehen, wie zum Beispiel Lokalverwaltungen", sagt Ahma. Während den Kurden eine Autonomie innerhalb Syriens vorschwebt, ist das Regime allenfalls bereit, auf die Situation von vor 2011 zurückzugehen. Angeblich hat der höchstrangige Geheimdienstchef Ali Mamlouk kurdische Vertreter sogar auf eine Tour in die vollständig zerbombten Städte Duma und Darayya mitgenommen. Die Botschaft: "Das ist die Alternative."

Auch die Beziehungen zwischen den syrischen und irakischen politischen Kräften Kurdistans gestalten sich schwierig. Zwar haben die irakisch-kurdischen Peschmerga die syrischen Kurden im Kampf gegen den IS unterstützt und Hunderttausende von Flüchtlingen aus Syrien aufgenommen. Was jetzt vonnöten wäre, können sie allerdings nicht selbst leisten: "Was die Kurden brauchen, ist, dass der Luftraum über ihren Territorien gesperrt wird, und internationalen Druck auf die Regierung der Türkei, um sie von einer Intervention abzuhalten – keines davon kann Barzani ihnen bieten", sagt ein kurdischer Journalist, der nicht namentlich genannt werden will. "Deswegen können die syrischen Kurden nicht von einer Annäherung an Barzani profitieren." Darüber hinaus unterhält Barzani gute Beziehungen nach Ankara.

Militärisch und politisch angreifbar

Selbst wenn die Türkei ihre Offensive zunächst auf kleinere Gebiete beschränken sollte: Der Schaden für die Kurden, die SDF und letztlich die gesamte Bevölkerung, die in den von ihnen kontrollierten Gebieten lebt, ist mit der Rückzugsäußerung Trumps bereits angerichtet und nicht wieder gutzumachen. Die Drohung hat viele Kurden in Hassak und Kamischli in die Flucht getrieben – und das in einer der wenigen Regionen, die weitgehend von Krieg und Zerstörung verschont geblieben sind.

Solange die USA die SDF unterstützten, war klar, dass sowohl die Türkei als auch das Regime sich zurückhalten würden. Bar eines mächtigen Partners stehen die Kurden jedoch im wahrsten Sinne des Wortes allein da. Das schwächt ihre Verhandlungsposition und macht sie militärisch wie politisch angreifbar. Kaum zog die SDF in Vorbereitung auf den türkischen Einmarsch Truppen in Richtung Grenze, verübten IS-Kämpfer in Rakka einen Anschlag und umstellten einen Stützpunkt lokaler Sicherheitskräfte.