Seit Beginn der türkischen Offensive in Nordostsyrien sind nach Angaben der UN etwa 100.000 Menschen vertrieben worden. Die meisten seien aus den Regionen Ras al-Ain und Tall Abjad geflüchtet, teilte das UN-Welternährungsprogramm mit. Es gebe "verstörende Berichte" von Bodenangriffen türkischer Truppen oder von Gruppen, die dem türkischen Militär nahestünden. In der Nacht zum Freitag war zunächst noch von 70.000 Vertriebenen berichtet worden.

Unter anderem seien die Wasserversorgung, Dämme, Kraftwerke und Ölfelder durch Schüsse getroffen worden, sagte ein Sprecher. "Die Militäroperationen in Nordostsyrien dürften die bereits sehr angespannte humanitäre Situation noch verschärfen", warnte Najat Rochdi, im Büro des UN-Syrien-Beauftragten zuständig für humanitäre Fragen. Einen ähnlichen Appell veröffentlichte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Sie rief in einer Stellungnahme alle Kriegsparteien dazu auf, den Schutz von Zivilistinnen und Zivilisten, Gesundheitspersonal und Patienten zu gewährleisten. Die Eskalation der Gewalt könne "das Trauma", das die syrische Bevölkerung in Jahren des Krieges schon erlitten habe, nur verschlimmern.

Die Organisation berichtete, dass das von ihnen unterstützte Krankenhaus in der syrischen Grenzstadt Tall Abjad geschlossen worden sei, weil der größte Teil der Angestellten mit ihren Familien die Stadt verlassen habe. Tall Abjad nahe der türkischen Grenzstadt Akçakale steht im Fokus der türkischen Offensive. "Als das einzige öffentliche Krankenhaus in der Gegend war das Tall-Abjad-Krankenhaus sehr wichtig für die Gesundheitsversorgung der Stadt und des Umlands", heißt es in der Stellungnahme.

Türkei fordert Nato-Solidarität

Die Türkei verlangt bei ihrer umstrittenen Militäroffensive in Syrien von der Nato ein "klares und deutliches" Bekenntnis der Solidarität. "Im Rahmen des Grundsatzes der Unteilbarkeit der Sicherheit ist es unsere natürlichste und legitimste Erwartung, dass sich unsere Alliierten mit uns solidarisieren. Es reicht also nicht zu sagen, 'wir verstehen die legitimen Sorgen der Türkei'", sagte der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu bei einer Pressekonferenz mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. "Wir wollen diese Solidarität klar und deutlich sehen."

Die Offensive, die seit Mittwochnachmittag läuft, richtet sich gegen die kurdische YPG-Miliz, die auf syrischer Seite der Grenze ein großes Gebiet kontrolliert. Die Türkei sieht in ihr einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und damit eine Terrororganisation. Das Vorgehen wird international kritisiert. In der EU wird über einen Exportstopp für Waffen diskutiert. Eine entsprechende Entscheidung trafen am Freitag die Niederlande.

Çavuşoğlu verteidigte die Offensive. Er argumentierte, wenn schon jeder einsehe, dass die Sorgen der Türkei legitim seien, dann müsse auch der Kampf gegen den Verursacher der Sorgen legitim sein. "Ihr habt diese Terrororganisation mit Waffen ausgestattet und sie ausgebildet", warf er den USA mit Blick auf deren Unterstützung für die kurdische YPG-Miliz vor.

US-Präsident Donald Trump hatte die USA zuletzt als möglichen Vermittler ins Spiel gebracht. Das US-Verteidigungsministerium rief die Türkei auf, die Offensive zu beenden. In einem Telefonat habe Verteidigungsminister Mark T. Esper seinem türkischen Amtskollegen Hulusi Akar klargemacht, dass die USA die "unkoordinierten Aktionen" ablehnten, da sie Fortschritte der internationalen Koalition gegen die Terrormiliz IS gefährdeten, teilte das Pentagon mit.

US-Regierung droht mit Strafmaßnahmen

Zugleich drohte die US-Regierung der türkischen Regierung mit Sanktionen, sollte diese die Militäroffensive fortsetzen. US-Finanzminister Steven Mnuchin teilte mit, Finanzanstalten seien vorgewarnt worden, dass Sanktionen verhängt werden könnten. "Wenn wir müssen, können wir die türkische Wirtschaft stilllegen", warnte Mnuchin im Weißen Haus. "Das sind sehr harte Sanktionen. Ich hoffe, dass wir sie nicht einsetzen müssen." Die Strafmaßnahmen könnten "jede Person mit Verbindungen zur türkischen Regierung" treffen, so Mnuchin. 

US-Präsident Donald Trump sei "besorgt" über die andauernde Militäroffensive in Nordsyrien und über potenzielle Angriffe auf zivile Ziele durch die Türkei. Es sei außerdem zwingend, dass die Türkei nicht erlaube, dass auch nur ein einziger IS-Gefangener im türkischen Einmarschgebiet entkomme. Wie die von kurdischen Milizen dominierten SDF mitteilten, sind nach dem türkischen Angriff fünf Kämpfer des IS aus einem Gefängnis ausgebrochen. Sie seien in der Stadt Kamischli inhaftiert gewesen. Die SDF bewachen die IS-Gefangenen.

Mit Stand vom Freitagmorgen sind nach türkischen Angaben bei der Militäraktion 277 YPG-Kämpfer getötet worden. Auch ein erster türkischer Soldat sei bei den Gefechten gestorben. Die türkische Zeitung Hürriyet berichtete am Donnerstag von sechs Toten auf türkischer Seite. Zudem seien 70 Menschen verletzt worden.

Festnahmen nach Kritik am Einsatz

In der Türkei sind nach Angaben des Innenministers Süleyman Soylu bis Freitag 121 Personen festgenommen worden, weil sie in sozialen Medien Kritik an der Militäroffensive geäußert haben. Gegen fast 500 Personen werde ermittelt, weil sie das Vorgehen der Türkei als Invasion bezeichnet hätten, sagte der Innenminister.

Die Ermittlungen werden nach Angaben der Polizei unter der Beschuldigung von "Terrorpropaganda" geführt. Ähnliche Maßnahmen hatte die türkische Regierung bei der Militäroffensive gegen die von der YPG gehaltenen nordwestsyrischen Stadt Afrin ergriffen. Die türkischen Antiterrorgesetze sind sehr breit gefasst. Prokurdische Abgeordnete und Journalisten sind wegen "Terrorpropaganda" zu Gefängnisstrafen verurteilt worden.